Wirtschaft : Die Briten haben die Nase vorn

Im Unternehmensranking 2002 schneiden die Deutschen viel schlechter ab als ihre europäischen Nachbarn

Dirk Hinrich Heilmann

Für Europas Konzerne war 2002 ein bitteres Jahr. Während der kumulierte Umsatz der 500 größten Unternehmen um 2,9 Prozent auf knapp 6,6 Billionen Euro schrumpfte, brachen die Gewinne um satte 71 Prozent auf 48,7 Milliarden Euro ein. Das sind weniger als 100 Millionen Euro pro Unternehmen. Die Umsatzrendite schrumpfte damit von 2,5 Prozent auf kümmerliche 0,7 Prozent zusammen – von 1000 Euro Umsatz blieben also nur sieben Euro in der Kasse.

Angesichts solcher Werte ist es nur konsequent, dass auch die Aktienkurse der Top 500 ihre Talfahrt beschleunigten. Zum Stichtag 15. Mai 2003 lagen sie durchschnittlich um fast 30 Prozent unter denen des Vorjahres. Von 2001 auf 2002 hatten sie bereits um vergleichsweise harmlose 3,5 Prozent nachgegeben.

Unangefochtene Europameister im Geldverbrennen sind wie schon 2001 die Telekommunikationsfirmen. Die Netzbetreiber, die im Goldrausch der Jahrtausendwende für Fantasiepreise UMTS-Lizenzen ersteigert und Beteiligungen zusammengerafft hatten, haben diese Ausgaben 2002 weitgehend abgeschrieben. Die Folge: Fünf Unternehmen der Branche – Deutsche Telekom, France Télécom, Vodafone, Telefónica und KPN – bringen es zusammen auf unglaubliche 87 Milliarden Euro Verlust. Doch das ist noch nicht alles: Die Telekom-Ausrüster Ericsson, Alcatel und Marconi verlieren zusammen noch einmal mehr als 16 Milliarden Euro, weil ihnen die Aufträge wegbrechen.

Top-Verlustbringer ist Vivendi

Bei solchen Alptraum-Summen kann nur noch ein anderer Konzern mithalten: Vivendi Universal. Der französische Mischkonzern steigerte seinen Verlust in dem Jahr, in dem das Kartenhaus des expansionslüsternen Chefs Jean-Marie Messier mit lautem Getöse zusammenbrach, auf 23,3 Milliarden Euro. Diese extremen Ausreißer verzerren allerdings das Gesamtbild. Rechnet man die zehn Top-Verlustbringer aus den Zahlenkolonnen der beiden Jahre heraus, ist der Gewinn der übrigen Spitzenfirmen im Vergleich nur noch um 14 Prozent geschrumpft. Auch damit sank er aber immer noch fünf Mal so stark wie der Umsatz. Das zeigt, dass die Aufräumarbeiten in Europas Großunternehmen weitergehen müssen. Sie werden die Kosten weiter drücken, Investitionen reduzieren und Schulden abbauen müssen, um auch bei weiter bröckelnden Umsätzen wieder höhere Gewinne zu erreichen.

Doch es gibt auch kerngesunde Unternehmen. Als Spitzenreiter in der Profitabilität behaupteten sich zwei Branchen: Mineralöl und Banken. Die Ölkonzerne warfen 2002 einmal mehr fast durchweg üppige Gewinne ab, wobei sich die – erstmals in der Liste vertretenen – russischen Konzerne von Gazprom bis Surgutneftegaz durch besonders hohe Gewinnspannen hervortaten. Bei Banken ist das Bild sehr gemischt: Während die fünf größten britischen Banken mit Nettogewinnen zwischen 2,7 und 6,3 Milliarden Euro allesamt unter den 20 Top-Verdienern Europas rangieren, schrieben die drei größten deutschen Institute zusammengerechnet rote Zahlen. Nur der Schweizer Finanzwirtschaft ging es noch schlechter.

Das Land mit den stärksten Unternehmen im krisengeplagten Europa ist eindeutig Großbritannien. Deutlicher denn je zeigt sich in der Rangliste von Handelsblatt und Wall Street Journal Europe die Überlegenheit der britischen Konzerne. Die vier Unternehmen mit den höchsten Nettogewinnen kommen ebenso von der Insel wie die drei mit den höchsten Börsenbewertungen.

Die Nummer eins ist nach wie vor in beiden Kategorien wie auch auf der Umsatzrangliste der Mineralölriese BP. Mit beeindruckenden 182 Milliarden Euro Umsatz, knapp sieben Milliarden Euro Reingewinn und 130 Milliarden Euro Börsenwert führt er die Liste mit Abstand an. Allerdings ist der Vorsprung kleiner geworden: Der Gewinn sank um ein Drittel, der Umsatz um acht Prozent und der Börsenwert um knapp 40 Prozent. Doch anders als 2001 liegen hinter BP mit Vodafone, Glaxo-Smith-Kline und HSBC noch drei weitere Briten in der Börsenrangliste ganz vorn und in der Gewinn-Hitparade heißen die Verfolger nun ebenfalls Glaxo und HSBC vor dem britisch-niederländischen Ölkonzern Royal Dutch/Shell.

Schwach zeigen sich im Vergleich dazu vor allem die Deutschen: In der Umsatzrangliste sind sie zwar mit Daimler-Chrysler, Allianz, Volkswagen und Siemens gleich vier Mal in den Top Ten vertreten, aber in den Kategorien Börsenwert und Gewinn hinken sie hinterher. In der Rangliste nach Marktkapitalisierung kommt das erste deutsche Unternehmen, die Deutsche Telekom, auf den 15. Platz. Nach Gewinn schafft es Daimler-Chrysler immerhin auf Platz 9.

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