Wirtschaft : Die Briten mögen es dick

Fettleibigkeit ist in Großbritannien inzwischen ein größeres Problem für das Gesundheitswesen als Alkoholismus

Susanna Howard

Die Briten haben europaweit die meisten Fälle von Fettleibigkeit. Seit Jahresbeginn wird zum Unterrichtsbeginn an Großbritanniens Schulen Obst an die Schüler verteilt. Die Aktion ist Teil eines Programms, mit dem ein alarmierender Trend zu Fettleibigkeit bekämpft werden soll. Auch in Deutschland werden inzwischen Lösungen für das wachsende Problem gesucht.

Nach Schätzungen des britischen Gesundheitsdienstes National Health Service (NHS) aus dem Jahr 2002 sind ein Drittel aller britischen Kinder zwischen zwei und fünfzehn Jahren von Übergewicht oder Fettleibigkeit betroffen (als übergewichtig gelten alle Personen, die 20 Prozent oder mehr über dem empfohlenen Idealgewicht liegen). Laut einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rangiert Großbritannien damit in Europa an erster Stelle und weltweit an dritter Stelle hinter den USA und Mexiko.

Experten verweisen darauf, dass weit mehr getan werden muss, als gratis Äpfel und Bananen zu verteilen, um ein Problem in den Griff zu bekommen, das seit Anfang der Siebziger Jahre immer schwerwiegender geworden ist. „Es ist schön, dass die Kinder lernen, Obst zu essen, aber wenn sie den Rest des Tages damit zubringen, Junk Food in sich hinein zu stopfen und herumzusitzen, macht es keinen großen Unterschied“, sagt Helen Johnson vom National Obesity Forum (NOF). Das Forum ist eine unabhängige Gruppe, deren Ziel es ist, mehr Bewusstsein für Fettleibigkeit zu wecken.

Das Problem hat sich zu einer erheblichen finanziellen Belastung für das britische Gesundheitssystem entwickelt und gilt in dieser Hinsicht mittlerweile als ähnlich gravierend wie der Alkoholismus. Laut Angaben des Rechnungshofes (National Audit Office) gab der NHS im Jahr 2001 (die jüngsten verfügbaren Zahlen) etwa 500 Millionen britische Pfund für die Behandlung von Krankheiten aus, die mit Fettleibigkeit zusammenhängen, wie Diabetes, Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Asthma und Arthritis. Die Tatsache, dass viele dieser Krankheiten sich erst langfristig einstellen, unterstreicht die Notwendigkeit, schnell zu handeln. Darüber hinaus kalkuliert der Rechnungshof Verluste von zwei Milliarden britische Pfund für die Wirtschaft durch verlorene Arbeitstage und geringere Produktivität infolge Fettleibigkeit. Bis zum Jahr 2010 befürchtet man einen jährlichen Verlustzuwachs von 3,6 Milliarden Pfund, so Schätzungen des britischen Gesundheitsministeriums.

Schuld an der Misere sind nicht zuletzt Städte und Gemeinden, die seit Jahren Fuß- und Radwege vernachlässigen und einen Life Style unterstützen, der vorwiegend im Sitzen stattfindet. Die Briten essen vermehrt außer Haus und ernähren sich zunehmend von Lebensmitteln mit hohem Fett-, Salz- und Zuckergehalt. Laut einer Studie des Marktanalyse-Unternehmens Euromonitor International ist der britische Markt für Fast Food und frei Haus gelieferte Speisen im Jahr 2002 im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent gestiegen, das entspricht 6,8 Milliarden britischen Pfund, und er wird bis 2007 um fast 7,6 Milliarden Pfund jährlich weiter wachsen.

Die Verteilung von Obst an Schulen kann nur ein kleiner Schritt sein. Public Health Minister Melanie Johnson hat ein Zwei-Milliarden-Pfund-Programm angekündigt, mit dem die Qualität der Nahrungsmittel in Kiosken, Snack- und Getränkeautomaten an Schulen verbessert werden soll. Gleichzeitig startet das britische Verkehrsministerium Kampagnen für mehr Bewegung zu Fuß oder per Fahrrad.

Aber auch die Privatwirtschaft ist gefordert, denn es liegt in ihrem Interesse, eine gesündere Lebensweise ihrer Arbeitskräfte zu unterstützen. Wie der britische Rechnungshof ermittelte, gab es im Jahr 2001 rund 18 Millionen Krankheitstage, die auf Gesundheitsprobleme durch Übergewicht zurückzuführen sind – mehr als die geschätzten elf bis 17 Millionen Tage, die jährlich durch Alkoholismus bedingte Krankschreibungen verloren gehen.

Die Londoner Anwaltsfirma Slaughter & May zahlt ihren Mitarbeitern zwölf Pfund monatlich für eine Mitgliedschaft im Sportstudio, ein Beispiel, dem andere Unternehmen folgen sollten. „Unsere Angestellten schätzen diese Vergünstigung, und die Maßnahme unterstützt die gesundheitliche Verfassung der Mitarbeiter“, sagt Personalchef Martin Havelock. Bei den Bankgruppen HSBC Holdings und Deutsche Bank in London können die Mitarbeiter zu Sondertarifen in Sportstudios trainieren, die sich im selben Gebäude befinden.

Die britische Supermarktkette Sainsbury und der Schweizer Pharmakonzern Roche erweiterten im vergangenen Jahr ein gemeinsames Programm, das auf übergewichtige Kundschaft ausgerichtet ist. Es bietet Ärzten die Möglichkeit, Patienten, die sich gesünder ernähren wollen, in Sainsbury-Supermärkte zu schicken, wo sie von Ernährungsberatern herumgeführt und informiert werden.

Doch dass Großbritanniens Trend zu immer mehr Fettleibigkeit schnell gestoppt werden kann, ist selbst bei einer gesünderen Ernährung nicht zu erwarten. „Das Land hat 30 Jahre gebraucht, um übergewichtig zu werden“, sagt Helen Johnson vom National Obesity Forum, „deshalb ist es zweifellos ein langfristiges Problem“.

Texte übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Kunstmarkt), Matthias Petermann (Übergewicht), Christian Frobenius (Lissabon), Tina Specht (WHO) und Svenja Weidenfeld (Euro).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben