Wirtschaft : Die britische Polizei jagt Produktpiraten

SHAILAGH MURRAY

Irgendwo in Lancashire (England) läßt sich "Mr.Patel" in seinem Wohnzimmer in einen roten Ledersessel fallen und überbringt gute Neuigkeiten: Er hat Produkte von zwei verdächtigen Unternehmen sichergestellt.Patel ist der bekannteste Informationslieferant, was Fälschungen von Markenprodukten in Großbritannien anbelangt."Gut gemacht", sagt Kevin Ryan, Detektiv bei Intelligence & Investigation Consultancy Ltd.(IIC) und strahlt übers ganze Gesicht.Die Agentur in Manchester, die gegen Fälscher vorgeht, zählt zu ihren Kunden so bekannte Mode- und Kosmetikunternehmen wie Calvin Klein, Ralph Laurent und Tommy Hilfiger."Und was ist mit dieser Uhr?" Patel wirft einen Blick auf die gefälschte Armani an seinem Handgelenk."Nur das beste," brummelt er verlegen.Er gesteht dann ein, daß sein schwarzer Ledergürtel eine Fälschung des Modells von Ralph Lauren ist und seine Slips nicht authentische Calvin Kleins sind.Doch seine ausgeblichenen Jeans sind echt."Sie sind aus Südafrika importiert," sagt Patel nachdrücklich, "das hat man mir zumindest gesagt."

Mit der Globalisierung des Handels nimmt auch dessen schmutzige Seite zu.Der Handel mit Imitationen wird immer ausgetüftelter und verbreitet sich rascher, als die geschädigten Unternehmen jemals gedacht hätten.Jedes Produkt, das bei den Kunden Anklang findet, ist eine Beute für Fälscher; die Imitate sind so gut, daß sie von den Markenprodukten nicht mehr zu unterscheiden sind und in die zentralen Distributionskanäle gelangen.Die erfolgreichen Fälscher passen ihre Erfindungen rasch an die neueste Mode an.

ICC, das Unternehmen von Ryan, organisiert mindestens einmal pro Woche vorzugsweise in Mittelengland eine Razzia in Fabriken und Geschäften.Jeden Monat überprüft IIC im Namen der britischen Polizei mehrere tausend Stichproben von Sonnenbrillen, Mützen, Pullovern oder Kosmetika.Jedes Jahr werden Imitate im Wert von 76 Mill.Pfund oder schätzungsweise zehn Prozent des gesamten britischen Marktes für Imitate beschlagnahmt.

Der pensionierte Detektiv Ryan ist für einen Sprung bei Patel, einem Vater von fünf Kindern, hereingekommen, um über eine alte Farm in Südwales und eine stillgelegte Fabrik zu sprechen.Patel, der jeden Imitaten-Händler auf der Insel zu kennen scheint (und der ein Pseudonym verwendet), hat die Adresse der walisischen Farm herausgefunden und die ungleichmäßigen Betriebszeiten der örtlichen Fabrik notiert.Er verfolgt auch eine andere heiße Spur.Es handelt sich dabei um den führenden Anbieter von Imitaten in Großbritannien, einem Londoner, der den Import von gefälschten Nieten, Knöpfen und Uhrenbestandteilen aus Asien kontrolliert, dem man jedoch bisher nichts anhaben konnte, weil er keine Etiketten anbringt.Ryan ist außerdem dabei, die Herkunft einer Sendung von 1000 Flaschen Eau de Toilette der Marke CK One herauszufinden, die der britische Zoll kürzlichkonfisziert hat.Das Parfum war eine perfekte Kopie des Originals, von dem mattierten Ton der Flaschen über die Form der Silberdeckel und Zerstäuber bis hin zur Registriernummer, die auf dem Boden jeder der sandfarbenen Schachteln aufgedruckt ist.

Für den eigentlichen Produzenten von CK One, die Calvin Klein Cosmetics Co von Unilever Plc., ist der Kampf teuer und zeitaufwendig, doch für den Erfolg der internationalen Marke notwendig."Man muß sein Vermögen schützen, in unserem Fall ist das die Handelsmarke," sagt Al Checkett, der Sicherheitschef des Unternehmens in New York.Er reist, verkleidet als windiger Geschäftsmann, um den Globus, um Muster von Imitaten zu kaufen.

Nur wenige Fabrikanten sind seiner Meinung, die meisten ziehen es vor, gegen Imitate diskret vorzugehen oder das Problem zu ignorieren.Doch der Einsatz wird höher, da die Fälscher immer rücksichtsloser agieren."Wenn man auf der Straße Parfum kauft, kann man beim Hersteller nicht beanstanden, wenn es Urin enthält," sagt Tim Mascall, ein ehemaliger Polizeibeamter und Gründer von IIC.

Die Imitate werden in Europa zum Teil mehrere Jahre vor Original-Erzeugnissen verkauft, vor allem bei Luxusgütern, deren Distribution kontrolliert wird.Als der amerikanische Unterhaltungskonzern Walt Disney Co.vor drei Jahren zu lange zögerte, bis er das Video von "Der Löwenkönig" auf den Markt brachte, hatten die Fälscher schon eine Million Piratenkopien des Kinderfilms in Großbritannien verkauft.

Die Polizei neigt dazu, es als vergebliche Mühe anzusehen, gegen Imitate vorzugehen, die an Flohmarktständen und an Gehwegen verkauft werden.Die meisten Unternehmen sind derselben Meinung - sie glauben, daß Käufer von Imitaten niemals die Markenprodukte kaufen würden.Für Beunruhigung sorgt jedoch die steigende Zahl von Imitaten hoher Qualität.Einige Fälschern investieren viel Geld in Stickereimaschinen, um komplizierte Insignien zu kopieren oder in Anlagen, die die chemischen Bestandteile von Parfums bestimmen.

Die alarmierend gute Qualität vieler Imitate läßt auch vermuten, daß Produzenten von Markenartikeln gleichzeitig den Schwarzmarkt beliefern.Vor kurzer Zeit fand man bei einer Razzia in einem Labor in Manchester Hunderte brauner Apothekenflaschen, die Imitate der Kernsubstanzen von jeder Parfummarke des Weltmarktes enthielten."Akademiker mit Doktortitel haben dort die Essenzen der Markenparfums nachgemacht," sagt Mascall.

Während die Fälschungen zunehmen, beklagen die staatlichen Ermittler, daß ihnen die Hände gebunden sind."Zollbeamten ist bewußt, daß sie an vorderster Front stehen, aber sie können nicht jeden Container öffnen," sagt Douglas Tweedle von der Internationalen Zollvereinigung in Brüssel, welche weltweit Agenten darin ausbildet, Diebstahl am geistigem Eigentum festzustellen.Calvin Klein und andere Marken, die gegen die Imitationen vorgehen, haben kaum eine andere Wahl, als ein teures Netzwerk aufzubauen, entweder intern (wie Checkett bei Calvin Klein Cosmetic Co.) oder durch einen Laden wie Baker & McKenzie oder IIC."Die meisten Hersteller wollen nicht durchdringen lassen, welche Probleme sie mit Imitaten haben," räumt Ed Chicken ein, ein Experte für Fälschungen vom staatlichen Institut für Wirtschaftsnormen.

Jene Unternehmen, die nicht gegen Fälschungen ihrer Markenprodukte vorgehen, bekommen wenig zurück.Zollbeamte können nur dann Imitate beschlagnahmen, wenn sie als solche identifiziert sind; wird etwa ein Hersteller nicht erreicht, müssen die verdächtigen Güter in der Regel freigegeben werden.Logistik und Entsorgung sind andere große Probleme.Razzien können eine ganze Reihe großer Lastwagen erfordern, um die Güter wegzutransportieren, doch können die Polizeikräfte die Miete dieser Wagen nicht finanzieren.Kleider müssen verbrannt oder geschreddert werden, während Parfum - wegen seiner chemischen Bestandteile als Sonderabfall entsorgt werden muß.

Der Kampf ist besonders quälend, weil die meisten Strafgesetze Fälschungen nicht streng ahnden.Selbst die Rädelsführer werden selten länger als einige Monate aus dem Verkehr gezogen.Noch bis vor kurzem wurden in einigen amerikanischen Staaten Produktfälschungen als minderschwere Vergehen eingestuft, auch Großbritannien - das als eines der härteren unter den EU-Ländern gilt - verurteilt Wiederholungstäter selten zu Gefängnisstrafen."Es ist weit weniger risikoreich, als wenn man das Produkt jemandem klaut," gibt Chicken zu."Man bekommt höchstens eine Geldstrafe."

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