Wirtschaft : „Die Bude wird rasiert“

Ein Horrorjahr für die Berliner Industrie geht zu Ende / Der Berliner IG-Metall-Chef Arno Hager ist trotzdem optimistisch

Alfons Frese

Der Mann hat allen Grund zerknirscht zu sein. Arno Hager war in den vergangenen Monaten als eine Art Feuerwehrmann der Berliner Industrie unterwegs. Als Chef der Berliner IG Metall ist er der erste Arbeiterführer der Hauptstadt und bezeichnet sich selbst als „Troubleshooter“. Hager versucht die Folgen von „Havarien“ zu begrenzen: Die Namen BSH, Infineon, Samsung, JVC und CNH stehen für ein Horrorjahr mit Betriebsschließungen und dem Verlust tausender Arbeitsplätze. „Besonders traurig ist, wenn am Ende nur ein paar Kröten mehr für die Abfindung der demnächst Arbeitslosen bleiben“, sagt Hager. Doch in manchen Fällen habe die Gewerkschaft erreicht, „dass trotz hoher Arbeitsplatzverluste Teile der Unternehmen in Berlin erhalten bleiben“.

Hager ist nicht deprimiert. Das passte auch nicht zu dem smarten 50-Jährigen im hellbraunen Anzug mit Weste, der auch gut für die andere Seite arbeiten könnte. Hager, dessen IG Metall in Berlin zwischen 1990 und 2005 zwei Drittel ihrer Mitglieder verlor – heute sind es noch 42 000 –, glaubt an die Stadt. „Wo wird denn die leistungsfähigste Turbine der Welt gebaut, wo entstehen die besten Windkraftmotoren, die modernsten Autolampen und die Motoren für den Maybach? Alles in Berlin.“ Rund zwölf Unternehmen, die mit ihren Produkten Weltmarktführer sind, zählt Hager allein in der Berliner Metall- und Elektroindustrie. Zwar werde es „noch ein paar Havarien geben, doch auf längere Sicht wird der Industriestandort ausgebaut“.

Und zwar mit Hilfe der Industriegewerkschaft Metall. „Wir scannen unsere Bereiche, um herauszufinden, wer was aufbauen will und dazu womöglich Unterstützung braucht.“ Hager hat eine Gesprächsreihe mit initiiert, um verschiedene Firmen und Wissenschaftsmanager, Arbeitsmarktexperten, Förderspezialisten und Politiker zusammenzubringen. „Berlin ist zu groß und vielfältig“, sagt der Metaller, so dass viele Unternehmen vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen würden. So seien zum Beispiel zwölf Forschungseinrichtungen in der Stadt mit modernster Displaytechnik beschäftigt – doch mit keiner einzigen davon kooperierte Samsung, um Zukunftsprodukte für das Werk in Oberschöneweide zu entwickeln.

Hager hat in der Druckindustrie Lithograph gelernt, auf dem Abendgymnasium Abitur gemacht und an der FU Berlin jeweils ein Diplom in Soziologie und Betriebswirtschaft erworben. Für „Das Kapital“ von Karl Marx hat der gebürtige Mönchengladbacher viel Zeit aufgebracht, und doch ist kein Klassenkämpfer aus ihm geworden. „Für mich sind die Arbeitgeber keine Bösewichte, sondern Leitungspersonal aus Unternehmen, mit denen wir es zu tun haben.“ Es klingt sogar Mitleid durch, wenn Hager von dem „perversen Druck“ spricht, dem manche Betriebsleiter auf der Jagd nach Rendite ausgesetzt sind. Er selbst kommt mit dem Druck klar, wenn er zum Beispiel bei Samsung tage- und nächtelang über die Abfindung von 750 Menschen verhandelt. „Man muss klar machen, was geht und was nicht geht, und Vertrauen aufbauen.“ Und bloß nicht zu hohe Erwartungen wecken.

Was Hager zufolge immer rauskommt, ist ein größeres Selbstbewusstsein der Betroffenen. „Selbst wenn man abgewickelt wird: Man hat gekämpft, einen Sozialplan erreicht und die eigene Würde verteidigt.“ Davon würde schließlich sogar die Allgemeinheit profitieren, denn „solche Leute sind auch auf dem Arbeitsmarkt aktiv und haben bessere Chancen, wieder eine Job zu bekommen“.

Hager sitzt im Betriebsratszimmer einer Marzahner Metallfirma und bespricht mit zwei Betriebsräten die Strategie für die bevorstehende Verhandlung mit der Geschäftsführung. Die Betriebsräte berichten von einem „saumäßigen Arbeitsklima“, „charakterlichen Blindgängern in der Geschäftsführung“ und „Management by Terror“. Inhaltlich geht es um Arbeitszeiterfassung, Schichtmodelle, Mehrarbeit, Kosten und illegale Arbeit. Hager lässt sich berichten und kommt dann zur Sache. „Was haben wir denn jetzt für eine Idee, dass der Laden billiger wird, ohne den Beschäftigten in die Tasche zu greifen?“, fragt er die Betriebsräte. Darum geht es fast immer: Kosten sparen, Produktivität erhöhen, Arbeitsplätze sichern.

Die IG Metall in Berlin betreut 390 Betriebe mit Betriebsrat in Handwerk und Industrie. 140 Unternehmen davon gehören dem Arbeitgeberverband an, zahlen nach Flächentarif. Die meisten davon im Westteil der Stadt. In dem Ostberliner Unternehmen, wo Hager an diesem Tag verhandelt, sind 60 von 280 Beschäftigten in der IG Metall. „Auf die Dauer ist der Betrieb nicht zu halten“, sagt Hager, „wenn sich die Belegschaft als Opfer sieht und nichts tut.“ Der Betriebsrat widerspricht vorsichtig: „Du bist Wessi und verstehst das nicht. Hier im Osten hat man aufgegeben.“ Aber ohne vernünftigen Organisationsgrad und einen aktiven Betriebsrat „kriegen wir nichts hin“, sagt Hager. „Die Bude wird rasiert.“ Erst mal bis Ende 2006 hat man sich auf eine Verlängerung der Arbeitzeit mit Arbeitsplatzgarantie verständigt. Dann beginnt der Kampf aufs Neue. „Die Belegschaft muss Verantwortung übernehmen und mit der Geschäftsführung kooperieren. Entweder das System stabilisiert sich wechselseitig, oder sie gehen zusammen unter.“

Hager arbeitet in seiner Verwaltungsstelle mit einem Stellvertreter und zehn so genannten politischen Sekretären, die sich um die Betriebe kümmern. Bei den „Riesenbrocken“ muss der Chef selbst ran. In diesem Jahr waren das erschreckend viele, was „ein Stück Unglück“ sei, aber durchaus auch absehbar war. „Seit Jahren sind das bei uns mögliche Kandidaten“, sagt der Gewerkschafter. Durch die zynische Brille betrachtet, hat das Krisenjahr 2005 der IG Metall Mitglieder gebracht. Bei Samsung zum Beispiel wuchs die Zahl der Gewerkschafter in der Belegschaft von 25 auf 80 Prozent. Und wenn die demnächst arbeitslos werden, bleiben sie trotzdem in der Gewerkschaft, glaubt Hager. „Die Mitgliedschaft ist wie ein Talisman, wenn man etwas mitgemacht und Rückgrat gezeigt hat. Ein positiver Anker.“

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