Wirtschaft : Die Bundesbank warnt vor höheren Zinsen

STUTTGART (rtr).Bundesbank-Präsident Hans Tietmeyer hat vor europäischen Risiken für die Geldwertstabilität in Deutschland gewarnt.Es könne zu Inflation kommen, weil die Haushaltsdisziplin einiger Staaten in Euroland nicht streng genug sei.Diese Aussicht könne die Bundesbank bald zu einer Zinserhöhung zwingen, sagte Tietmeyer am Donnerstag in Stuttgart nach der Sitzung des Zentralbankrats.Der Rat veränderte die deutschen Leitzinsen erwartungsgemäß nicht.

"Es ist denkbar, daß der deutsche Zentralbankrat angesichts der europäischen Entwicklung bei den Zinsen handeln muß", sagte Tietmeyer.Ein weitgehend stabiles monetäres Umfeld im Inland sei nicht länger allein ausschlaggebend.Allerdings ergänzte er, das günstige Preisklima lasse eine Zinserhöhung derzeit nicht notwendig erscheinen.Aussagen darüber, wohin die kurzfristigen Zinsen in Euroland konvergieren würden, wolle er wegen der schwer abzuschätzenden Inflationsperspektiven nicht machen, sagte Tietmeyer.

Deutschland stehe bei den Ländern, denen der Präsident der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, wegen ihrer mangelnden Haushaltsdisziplin die "gelbe Karte" gezeigt habe, nicht im Vordergrund.Doch seien "die fiskalischen Probleme hierzulande langfristig noch nicht gelöst".Inzwischen habe sich in Deutschland die Basis des wirtschaftlichen Aufschwungs verbreitert, sagte Tietmeyer.Die konjunkturelle Erholung werde jetzt nicht mehr allein vom Export getragen: Auch die Inlandsnachfrage wachse, insbesondere nach Investitionsgütern.Darum belebe sich der Arbeitsmarkt.Positiv sei insbesondere die Zunahme der offenen Stellen.Allderdings bleibe die Bundesbank bei ihrer Einschätzung, daß das "Problem Nummer eins" in Deutschland nicht mit einem Wirtschaftsaufschwung allein, sondern nur mit strukturellen Veränderungen nachhaltig gelöst werden könne.

Die Krise in Ostasien hat die positive Stimmung in der deutschen Wirtschaft nach Ansicht von Tietmeyer bislang nur wenig berührt.Schließlich sei die Handelsverflechtung mit dieser Region nicht übermäßig eng.Die kritische Lage in Fernost, von der weiterhin latente Gefahren für die Weltwirtschaft ausgingen, sei noch nicht überwunden.Er hoffe, daß insbesondere Japan die Probleme seines Finanzsektors und seiner gewerblichen Wirtschaft bald in den Griff bekommen werde.Darüber würden am kommenden Montag die Notenbank-Chefs der Zehnergruppe (G-10) in Tokio beraten.

Neuer Chef-Volkswirt der Bundesbank soll der bisherige Chef-Volkswirt der BHF-Bank, Hermann Remsperger, werden.Er soll auch Direktoriumsmitglied der Bundesbank werden.Das Bundesfinanzministerium bestätigte, daß die Bundesregierung Remsperger als Nachfolger von Otmar Issing vorgeschlagen habe, der Anfang des Monats ins Direktorium der Europäischen Zentralbank wechselte.

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