Wirtschaft : Die Bundesbanker bangen um ihren Ruf

Interimschef Jürgen Stark informiert die Mitarbeiter der Notenbank erstmals über die Affäre – doch der Schock sitzt tief

Rolf Obertreis

Frankf urt (Main) . Die Sporthalle der Bundesbank direkt am Fuß der Frankfurter Zentrale war prall gefüllt, als Vize-Präsident Jürgen Stark am Donnerstag erstmals die Mitarbeiter direkt über die Lage nach der Adlon-Affäre von Bundesbank-Präsident Ernst Welteke informierte. Mehr als 1000 Bundesbanker drängten sich nach Angaben von Teilnehmern in der Halle. Normalerweise erscheinen allenfalls ein paar hundert zu Personalversammlungen. Doch diesmal ging es ums Ganze. Die Reputation der Institution Bundesbank steht auf dem Spiel.

Viel Neues haben die Mitarbeiter der Bundesbank nicht erfahren. Ruhig sei das rund zweistündige Krisentreffen verlaufen, hieß es in Frankfurt. Stark habe im Namen des gesamten Vorstandes die Situation geschildert und betont, man wolle die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft vor weiteren Entscheidungen abwarten. Deren Ende ist allerdings nicht abzusehen.

Genau diese Strategie ist in Berlin inzwischen auf scharfe Kritik gestoßen. Sowohl Regierungssprecher Thomas Steg als auch der stellvertretende SPD-Fraktionschef Joachim Poß hatten den Bundesbank-Vorstand gerade erst davor gewarnt, auf Zeit zu spielen.

Auf der Mitarbeiterversammlung äußerte sich Stark kritisch zum Druck des Finanzministeriums auf die Bundesbank-Spitze. Durch die Affäre dürfe die gute Arbeit der Notenbank nicht infrage gestellt werden, sagte der Vizepräsident, der derzeit die Bundesbank leitet. Welteke lässt sein Amt nach den Vorwürfen ruhen. Die immer noch von der Affäre geschockten Bundesbank-Mitarbeiter selbst äußerten sich auf der Versammlung nach Angaben von Teilnehmern nicht.

Stolpert Welteke über sich selbst?

Längst ist aber auch ihnen klar, dass Welteke kaum noch zu halten ist. Obwohl viele ihn als „guten und sozialen“ Präsidenten einstufen. Allerdings schütteln auch Bundesbank-Beschäftigte den Kopf über das Krisenmanagement des Hauses und die Art und Weise, wie Welteke den Vorgang handhabt. Ähnlich sieht man es in Bankenkreisen. „Am Ende stolpert er mehr über die Art und Weise, wie er die Affäre gemanagt hat, als über die Affäre selbst.“ Welteke, sagt ein Kenner der Frankfurter Finanzszene, lebe derzeit in einem „halbwegs autistischen Zustand“ und lasse niemanden an sich heran. Das Krisenmanagement habe offenbar seine Frau übernommen.

Andererseits hält man in Frankfurt die Attacken der Opposition auf Finanzminister Hans Eichel für absurd. Selbst mit einem neuen, ihm genehmen Präsidenten könne der Finanzminister nicht über den 3440 Tonnen schweren Goldschatz verfügen, den die Bundesbank hütet, heißt es. Zum einen ist die Bundesbank an das Abkommen mit anderen Notenbanken gebunden, wonach bis Herbst überhaupt kein Gold verkauft werden darf. Danach können allenfalls 120 Tonnen pro Jahr abgegeben werden. Zum anderen würde die Bundesbank auch unter einem anderen Präsidenten ihre Linie beibehalten, Gold nur dann abzugeben, wenn mit den Erlösen keine Haushaltslöcher gestopft würden. Einen „Goldreservedeal“ zwischen Welteke und Eichel, wie der CSU-Finanzexperte Hans Michelbach behauptet, gebe es jedenfalls nicht. Die Union wirft dem SPD-Politiker unter anderem vor, für Wahlkampfzwecke Goldreserven der Bank verkaufen zu wollen.

Klar scheint mittlerweile zu sein, dass die anonymen Briefe an das Finanzministerium nicht aus den Finanzbehörden stammen können. Die Hotel-Rechnung Weltekes liegt noch nicht beim Finanzamt, denn die Dresdner Bank hat ihre Steuererklärung für das Jahr 2002, in dem die Rechnungen gebucht wurden, noch gar nicht abgegeben. Dafür wendet sich nun die Staatsanwaltschaft an die Dresdner Bank direkt. Das Institut hat den Ermittlern Einsicht in einige Dokumente gegeben, wie am Donnerstag bekannt wurde.

Sicher ist derzeit aber eins. Statt Welteke wird Stark den Bundesfinanzminister als amtierender Bundesbank-Präsident Anfang Mai zum Treffen der G 7-Finanzminister und Notenbank-Präsidenten und zur Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank nach Washington begleiten.

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