Wirtschaft : Die Chinesen kommen

Computerkonzern Lenovo will deutschen Elektronikhersteller Medion für 629 Millionen Euro kaufen

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Der Discounter. Medion wurde mit preiswerten Computern und Notebooks bekannt, die vor allem bei Aldi verkauft werden. Foto: dpa Foto: dpa
Der Discounter. Medion wurde mit preiswerten Computern und Notebooks bekannt, die vor allem bei Aldi verkauft werden. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Mit einem Kurssprung von 18 Prozent hat die Aktie des deutschen Elektronikherstellers Medion auf eine spektakuläre Übernahmeofferte aus der Volksrepublik China reagiert. Der Computerhersteller Lenovo will das Essener Unternehmen, das als Aldi-Lieferant bekannt wurde, für rund 629 Millionen Euro kaufen. Es ist die erste chinesische Übernahme eines namhaften deutschen Unternehmens. Experten haben schon länger mit einer Offensive chinesischer Konzerne gerechnet und erwarten weitere Einkäufe in Deutschland. Am Donnerstag hielt sich die Medion-Aktie auf dem Niveau des Angebotspreises von 13 Euro. Über die Chancen, die sich für beide Unternehmen aus dem Deal ergeben, sind sich Analysten indes uneins.

Für Medion-Gründer und Mehrheitseigentümer Gerd Brachmann kommt Lenovo wie gerufen. Medion, 1983 gegründet und seit 1998 an der Börse, hat eine existenzbedrohliche Krise hinter sich und erholt sich nur langsam. Brachmann, der auch Vorstandschef ist, nahm das Angebot aus China zu großen Teilen bereits an – er wird knapp 17,75 Millionen Aktien für rund 230,7 Millionen Euro an die Chinesen abgeben. Brachmann erhält 80 Prozent davon in bar und 20 Prozent in Form von Lenovo-Aktien. Der mit dem Verkauf von Elektronik-Hardware reich gewordene Unternehmer zeigte sich zufrieden: „Ich bin stolz, ein wichtiger privater Teilhaber der am schnellsten wachsenden PC-Firma der Welt zu sein“, sagte er. Die Übernahme werde die Marktposition von Medion stärken. Die Firmenstruktur in Essen werde beibehalten. Für die 1000 Mitarbeiter im Unternehmen gelte genauso wie für den Hauptsitz Essen eine Bestandsgarantie, ergänzte Finanzvorstand Christian Eigen.

Der 1984 gegründete und weltweit viertgrößte PC-Hersteller Lenovo hat Erfahrung mit Auslandsübernahmen. 2005 erwarb Lenovo die PC- Sparte des amerikanischen IT-Konzerns IBM für 1,75 Milliarden Dollar. Dies war die erste größere Übernahme eines chinesischen Unternehmens in den USA. Lenovo will zudem bei der PC-Produktion künftig mit dem japanischen Konzern NEC zusammenarbeiten. Bei seiner Expansion hat Lenovo Rückendeckung: Hinter dem Konzern steht mit Legend Holdings ein vom Staat kontrollierter Großaktionär.

Die Analysten der Commerzbank empfehlen den Medion-Aktionären, das Angebot der Chinesen anzunehmen. Die Wachstumsaussichten des deutschen Elektronikherstellers seien nicht sonderlich gut, die Offerte komme zum richtigen Zeitpunkt. Branchenbeobachter erwarten die größeren Zuwächse im Smartphone- und Tabletcomputer-Segment. Optimistischer sind die Analysten beim Bankhaus Lampe. Unter dem großen Lenovo-Dach werde sich die Einkaufssituation von Medion verbessern. Die Erschließung neuer Märkte sei künftig einfacher. Wegen seiner großen Abhängigkeit von Aldi war Medion vor einigen Jahren an den Rand der Insolvenz geraten. 2010 setzten die Essener aber wieder 1,64 Milliarden Euro um, verdienten vor Zinsen und Steuern allerdings nur 28,1 Millionen Euro. Zum Vergleich: Im Jahr 2003 hatte der Erlös noch knapp drei Milliarden Euro betragen, der Gewinn vor Zinsen und Steuern lag bei 179,9 Millionen Euro.

Lenovo käme mit Medion auf dem deutschen Markt einen großen Schritt voran. Die Chinesen würden ihren Marktanteil auf mehr als 14 Prozent verdoppeln und hinter HP und Acer zur Nummer drei auf dem hiesigen PC-Markt. Doch ist das Geschäft kein Selbstläufer: In Westeuropa ist der PC-Absatz nach Berechnungen des IT-Marktforschers Gartner im ersten Quartal um 18 Prozent eingebrochen. Auch in Deutschland gab es mit minus 16,5 Prozent erstmals seit 2001 wieder einen zweistelligen Rückgang. mit dpa

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