Wirtschaft : Die demografische Dividende

Entwicklungsländer profitieren von sinkenden Geburtenraten und einem hohen Anteil jüngerer Menschen

Gautam Naik[Leslie Chang],Joanna Slater

Als Alan Greenspan in der vergangenen Woche vor dem US-Kongress erschien, ging es nicht um den Ölpreis, Zinssätze oder Steuern. Es ging um das Altern. Der Präsident der amerikanischen Notenbank, der 76 Jahre alt ist, sprach über die Auswirkungen des weltweiten Alterungsprozesses auf die Wirtschaft. Ein großes Thema: die Kluft zwischen der wachsenden Zahl älterer Menschen in den westlichen Industrienationen und der riesigen Zahl von erwerbsfähigen Menschen in den Entwicklungsländern.

Die unterschiedliche Altersstruktur hat enorme Auswirkungen auf Wirtschaft, Unternehmen und die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Staaten. Während Europa und Japan mit Problemen ihrer Rentenversicherungen und steigenden Kosten im Gesundheitswesen kämpfen, können sich Länder wie China, Brasilien und Mexiko dank der so genannten demografischen Dividende über sinkende Lohnkosten, eine gesündere und gebildetere Bevölkerung und den Einstieg von Millionen von Frauen in den Arbeitsmarkt freuen.

Die demografische Dividende ist ein Geschenk sinkender Geburtenraten und verursacht einen zeitweiligen Zuwachs der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter. Bevölkerungsexperten schätzen, dass das Wirtschaftswunder in Südostasien auch auf eine vorteilhafte Altersstruktur in diesen Ländern zurückzuführen ist. Aber ohne die Verbesserung der Bildung und Gesundheit und das Schaffen von Arbeitsplätzen wäre auch hier nichts erreicht worden. Die große Frage ist, ob China, Indien, Brasilien, Mexiko und andere diesem Beispiel folgen können.

„Es ist eine einmalige Chance für die Entwicklungsländer, aus ihrer vorteilhaften Altersstruktur einen Nutzen zu ziehen und die Wohlstandslücke zu den reicheren Ländern zu schließen“, sagt Joseph Chamie, Direktor der Abteilung Bevölkerung der Vereinten Nationen (UN). Einem von der UN veröffentlichten Bericht zufolge lag das Durchschnittsalter in den Industrieländern vor zwei Jahren bei 37,3 Jahren und soll auf 45,2 im Jahre 2050 ansteigen. Im Vergleich dazu lag das Durchschnittsalter in weniger entwickelten Ländern bei 24,1 und soll auf 35,7 ansteigen.

China hat dank einer jahrelangen Ein-Kind-Politik jetzt eine niedrige Fruchtbarkeitsrate von 1,8 Kindern pro Frau erreicht. Fast ein Viertel der 1,3 Milliarden Chinesen sind unter 15 und nur sieben Prozent sind über 65 Jahre. Scharen von jungen Chinesen strömen auf den Arbeitsmarkt, und der Staat hat in eine bessere Bildung der Bevölkerung investiert. Aber das Bild ist nicht ungetrübt. Die jungen Chinesen ziehen jetzt zunehmend in die Städte, was zu großen Arbeitsplatz- und Wohnungsproblemen führt.

Auch in Indien verlangsamt sich das Bevölkerungswachstum. Noch nie gab es so viele Menschen zwischen 15 und 59 Jahren. Bis 2016 wird es in Indien 800 Millionen Menschen dieser Altersgruppe geben, ein Sprung von 200 Millionen in 20 Jahren. Aber das Bild ist nicht einheitlich. Während der Norden Indiens mit Überbevölkerung kämpft, hat der südliche Bundesstaat Kerala sinkende Fruchtbarkeitsraten durchgesetzt. Der Staat hat die niedrigste Analphabetenrate und die höchste Lebenserwartung im Land. Fast alle Schwangeren entbinden im Krankenhaus, was zu einer drastischen Reduzierung der Säuglingssterblichkeit geführt hat.

Doch nun, da sich die Bevölkerungspyramide der der Industrieländer anzupassen beginnt, entsteht ein neues Problem: die Versorgung der Alten. Experten in Mexiko sagen, ihr Land habe noch 30 Jahre lang Gelegenheit, Vorteile aus der Altersstruktur zu ziehen. Aber es wird hart. Mexiko scheint nicht in der Lage, Arbeitsplätze für die 1,2 Millionen Menschen, die jährlich auf den Arbeitsmarkt strömen, zu schaffen. Das führt dazu, dass die meisten jungen Arbeiter in die USA abwandern. In den 70er Jahren hatte Mexiko 50 Millionen Einwohner und etwa 30000 gingen jährlich in die USA. Heute leben etwa 100 Millionen Menschen in Brasilien und etwa 380000 wandern jährlich aus.

Die Bemühungen einiger Länder werden durch die Geschwindigkeit des Wandels vereitelt. Es dauerte 114 Jahre, bis in Frankreich der Anteil der über 65jährigen an der Bevölkerung von sieben auf 14 Prozent kletterte. Viele Entwicklungsländer werden diesen Übergang in 25 Jahren oder weniger erleben. Das schränkt die Flexibilität ein. Brasiliens Geburtsrate ist gesunken, aber die Wirtschaft wird durch die großzügige Rentenversicherung behindert. Bemühungen der Regierung, das Renteneintrittsalter zu erhöhen und die Beamtenpensionen zu begrenzen, stoßen auf Widerstand. Defizite gibt es auch im Bildungssystem: Zweidrittel der brasilianischen Arbeiter haben die Grundschule nicht beendet. Praktisch alle Kindern besuchen zwar die Grundschule, aber die meisten erreichen nicht die Sekundarstufe.

Übersetzt und gekürzt von Christian Frobenius (Chirac), Gregor Hallmann (Wachstum), Matthias Petermann (Bush), Svenja Weidenfeld (Demografie) und Karen Wientgen (Disney).

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