Wirtschaft : Die Deutsche Bahn ist auf die Tram gekommen

DB-Stadtverkehr-Chef Meyer hat großes Interesse an städtischen Verkehrsbetrieben – auch an der BVG

C. Brönstrup/B. Hops

Berlin - Bus- und Straßenbahnunternehmen stehen immer stärker unter Druck. Die leeren Kassen in den Städten und Gemeinden führen dazu, dass zunehmend kommunale Verkehrsbetriebe für Kooperationen geöffnet und zum Verkauf frei- gegeben werden. Davon will die Deutsche Bahn profitieren. „Wir wissen, dass wir Wachstumschancen haben. Der Markt befindet sich im Umbruch“, sagte Andreas Meyer, Chef der Bahntochter DB Stadtverkehr, dem Tagesspiegel. Mittel- bis langfristig sei das Ziel, etwa eine Milliarde Euro Umsatz hinzuzugewinnen. Auch in Europa sehe sich die Bahn um. „Wir verfolgen mehr als eine Hand voll internationaler Projekte. Darüber reden wir aber erst, wenn etwas spruchreif ist“, sagte Meyer.

Schon heute ist die Bahn der größte Anbieter von Stadtverkehr in Deutschland. Allerdings liegt der Marktanteil nach Unternehmensangaben relativ niedrig bei acht Prozent. Im Jahr werden etwa 1,7 Milliarden Euro durch 12600 Beschäftigte umgesetzt. In der Anfang 2004 gegründeten DB Stadtverkehr GmbH hat die Bahn 24 Busgesellschaften, die S-Bahnen Berlin und Hamburg, ihren 40-prozentigen Anteil an der hannoverschen Intalliance und rund 70 weitere Beteiligungen gebündelt.

Doch das Bundeskartellamt hat der Bahn in den vergangenen Jahren immer wieder schwere Auflagen gemacht, wenn sie ein Verkehrsunternehmen übernehmen wollte. Durch das Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Düsseldorf vom vergangenen Dezember, bei der die Auflagen für die Intalliance aufgehoben wurden, seien endlich neue Möglichkeiten eröffnet worden, sagte DB-Stadtverkehr- Chef Meyer. Früher habe der einzelne kommunale Markt als Maßstab bei Kartellentscheidungen gedient, dann der regionale. Durch das „historische“ OLG-Urteil sei jetzt endlich der bundesweite Markt die Orientierungsmarke – und „irgendwann wird es dann auch europäische Leitplanken geben“.

Das OLG-Urteil habe die Kommunen aktiver werden lassen, sagte Meyer. „Die Entscheidung hat einige Nachfragen ausgelöst, was man gemeinsam machen kann.“ Doch die Bahn sehe sich nicht unter Zugzwang. Zum einen werde es wahrscheinlich noch einige Jahre dauern, bis sich eine eindeutig liberale Rechtsauffassung durchsetzen werde. Derzeit gebe es auch nach dem Düsseldorfer Urteil ein Auf und Ab – und Kräfte, die gegen eine Liberalisierung arbeiteten.

Zum anderen versuchten internationale Konkurrenten, zurzeit in den deutschen Markt zu drängen. In Hessen würde aktuell ein „Dumpingwettbewerb auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen“, an dem sich die Bahn nicht beteiligen wolle, sagte Meyer. Mit der hessischen Landesregierung liefen deshalb schon Gespräche. Aber allgemein gelte: „In den Ausschreibungen holen sich derzeit viele eine blutige Nase. Da verzichten wir lieber einige Zeit auf diese Verkehre.“

Meyer kann sich mehrere Modelle vorstellen, wie die Bahn aktiv wird. Als Pionierunternehmen betrachtet er die Intalliance, bei der sich der Konzern mit den hannoverschen Verkehrsbetrieben Üstra zusammengetan hat. „Hier bieten wir alle Verkehre aus einer Hand – von der S-Bahn bis zum Bus“, sagte Meyer. Expansionsziel seien jedoch nicht nur Regionen, in denen die Bahn bereits eigenes Geschäft betreibe. „Wir gehen aber nirgends rein, wo wir nur Geld mitbringen müssen.“ Bei Verkehrsverträgen müssten auch angemessene Gegenleistungen geboten werden. Doch habe die Bahn schließlich auch große Erfahrung darin, öffentliche Unternehmen effizient zu führen. Davon und von Größenvorteilen etwa beim Einkauf von Omnibussen könnten potenzielle Partner und Beteiligungen profitieren.

Sehr erfolgreich liefen die bestehenden Geschäfte. Bei den S-Bahnen Hamburg und Berlin sei die Verkehrsleistung im ersten Quartal 2005 um insgesamt 43 Millionen Personenkilometer gestiegen. Davon steuerte Berlin 17 Millionen bei, sagte Meyer. „Die S-Bahn Berlin hat Hervorragendes geleistet.“ 1995 habe das Durchschnittsalter der Züge bei 43 Jahren gelegen, heute bei sieben Jahren. In der gleichen Zeit sei die Zahl der Fahrgäste um 75 Millionen auf 320 Millionen gestiegen.

Problematisch sei aber, dass der Bahn nach dem neuesten Verkehrsvertrag mit dem Land Berlin erhebliche Sanierungsaufgaben auferlegt wurden. Die Folge: Die S-Bahn Berlin bringt der Bahn derzeit Verluste. „Wir loten alle Handlungsspielräume aus“, sagte Meyer. Darunter fallen die Zusammenlegung von Instandhaltungswerken, der Einsatz kürzerer Züge in Nebenzeiten und eine Verlängerung der Wartungsintervalle. „Das alles kann natürlich auch Auswirkungen auf Arbeitsplätze haben“, sagte Meyer. Heute beschäftigt die S-Bahn Berlin 3750 Menschen.

Interessant wäre in Berlin auch ein Zusammengehen von S-Bahn und der Verkehrsbetriebe BVG, sagte Meyer. „Wir stehen zur Verfügung. Aber dafür ist der politische Wille nötig, die große Herausforderung in Berlin konsequent anzugehen und zusammen mit der Bahn einen deutschen Champion mit europäischem Format zu bilden.“

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