Wirtschaft : Die Deutsche Bank wird umgekrempelt

Seit einem Jahr ist Josef Ackermann Vorstandssprecher/Heute erste Hauptversammlung/Kirch gegen Breuer

Rolf Obertreis

Frankfurt (Main) . Zwei, drei Interviews, ab und an eine Rede und der Pflichtauftritt bei der Bilanz-Pressekonferenz. Josef Ackermann, seit gut einem Jahr an der Spitze der Deutschen Bank, hat sich rar gemacht. Weil er im Gegensatz zu seinem Vorgänger Rolf Breuer das Licht der Öffentlichkeit nicht braucht, weil er auch im Gegensatz zu Breuer nicht der beste Redner ist. Vor allem aber, weil er die Bank in einer miserablen Lage sah und sich deshalb ein gewaltiges Arbeitspensum verordnet hat. Kaum einer seiner Vorgänger hat das Haus in den ersten Monaten so umgekrempelt wie Ackermann. Und erste Erfolge, glaubt zumindest der 55-jährige Schweizer, werden sichtbar.

Am Dienstag muss Ackermann, der seit 1996 im Vorstand der Deutschen Bank sitzt, ins Licht der Scheinwerfer. Auf der Hauptversammlung in der Frankfurter Festhalle wird er erstmals den Aktionären Rechenschaft ablegen. Die Bilanz des wichtigsten Bankers der Republik nach einem Jahr fällt zwiespältig aus. Vor allem der Blick auf den Börsenzettel muss Ackermann ärgern. Rund 54 Euro kostet die Aktie der Bank derzeit. Vor einem Jahr hielt „Joe“, wie der Vorstandssprecher flapsig genannt wird, selbst 80 Euro für zu wenig. Das zweite Ärgernis trifft weniger den Chef der Bank als den Menschen Ackermann. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft hält ihm vor, als Aufsichtsrat bei Mannesmann mit insgesamt rund 60 Millionen Euro völlig überzogene Zahlungen an den ehemaligen Konzernchef Klaus Esser und andere Manager abgesegnet und damit Millionenbeträge veruntreut zu haben. Wann Ackermann vor Gericht muss, ist offen. Für den Vorgang hat er kein Verständnis, im Ausland sei es selbstverständlich, wenn außerordentliche Leistungen auch außerordentlich honoriert würden.

Auch wenn der Prozess läuft, will Ackermann an der Spitze der Bank bleiben. Zu tun gibt es immer noch genug, schließlich soll die Deutsche Bank weltweit wieder unter die ersten zehn der Branche. Derzeit dümpelt sie um Platz 20. Unter Ackermann ist die Bank deutlich schlanker geworden, im Vergleich zu Ende 2001 wurden fast 20 Prozent der Arbeitsplätze gestrichen; derzeit sind es weltweit noch 71000. Die jährlichen Kosten hat Ackermann um beachtliche 6,2 Milliarden Euro gedrückt. Reihenweise wurden Geschäftsfelder und Beteiligungen verkauft, Münchner Rück, Allianz, Buderus, Südzucker und zuletzt mg technologies sind nur die prominentesten. Ein zweistelliger Milliardenbetrag wurde eingenommen und zum Teil für den Kauf eigener Aktien genutzt. Die Kreditsparte hat Ackermann kräftig zusammengestaucht. Unternehmen, die nur einen Kredit wollen, lehnt er ab. Der Ertrag ist zu dünn. 3,5 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern hat die Bank im ersten Jahr unter Ackermann eingefahren. Ohne Beteiligungsverkäufe wären es nur 1,9 Milliarden gewesen. Kein schlechtes Ergebnis, aber auch kein Grund zum Jubel. Zumal die letzen beiden Quartale 2002 genau wie das erste Quartal 2003 der Bank Verluste beschert haben – vor allem durch außerordentliche Abschreibungen. Ackermann rechnet anders. Im Bankgeschäft habe man im ersten Quartal rund eine Milliarde Euro verdient. Im Investmentbanking zähle die Deutsche Bank schon wieder zur Spitzengruppe.

Neben Ackermann ist Aufsichtsratschef Breuer die Hauptperson auf der Hauptversammlung. Filmhändler Leo Kirch will eine Einzelabstimmung über Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder durchsetzen. Einzelpersonen, die „ihre Pflichten verletzt haben“, dürften sich nicht „hinter anderen Organmitgliedern verstecken“, zitiert die FAZ aus einem Brief Kirchs an Investoren, um deren Unterstützung er wirbt. Kirch wirft Breuer vor, mit Äußerungen über die Kreditwürdigkeit zum Zusammenbruch der Kirch-Gruppe beigetragen zu haben.

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