Wirtschaft : Die deutsche Schienenfahrzeugtochter von Alstrom arbeitet profitabel

Zukäufe sind nicht ausgeschlossen - auch an Teilen von Adtranz ist man möglicherweise interessiert

"Essen und Trinken verboten". Das Schild am Speisewagen für den ICE 3 macht nur auf den ersten Blick stutzig. Der Hinweis gilt nicht den künftigen Fahrgästen, sondern den Mitarbeitern, die in der Montagehalle bei Alstom-LHB in Salzgitter letzte Hand anlegen an den edlen und hochmodernen Waggons. Schließlich soll das Fahrzeug nicht nur in technisch einwandfreiem Zustand übergeben werden. Vier Monate dauert es, vom ersten Alublech bis hin zur letzten Steckverbindung, bis der ICE 3-Speisewagen auf die Reise gehen kann. 54 werden es sein, bis der Auftrag der Deutschen Bahn erledigt ist.

Der ICE-Wagen ist eines der Prunkstücke von Linke Hofmann Busch, wofür LHB steht. Gefertigt werden in Salzgitter aber auch Straßenbahnen, S-Bahnen, Nah- und Regionalzüge. 16 verschiedene Fahrzeuge und drei Güterwaggon-Modelle gehören derzeit zur Produktpalette. Jeden Monat verlassen 60 neue Fahrzeuge die Hallen, die Produktion auf dem 1,3 Millionen Quadratmeter großen Gelände brummt.

Seit 1994 gehört LHB zum französischen Energie- und Transportkonzern Alstom, dessen Deutschland-Ableger seit 1999 in Frankfurt (Main) residiert. Alstom hat vor allem im Anlagenbau einen Großteil von ehemaligen AEG-Gesellschaften übernommen. Mit Erfolg. Alstom schreibt gute schwarze Zahlen. Dies gilt auch für den Schienenfahrzeughersteller LHB. Rund 20 Millionen Mark waren es im letzten Geschäftsjahr. Eine Situation, von der andere deutsche Firmen, allen voran die DaimlerChrysler-Tochter Adtranz, derzeit nur träumen können.

Gruppenarbeit, hohe Flexibilität, frühzeitige und kontinuierliche Rationalisierung, eine offene Streitkultur, gezielte Akquisitionen und die Hereinnahme von lukrativen Aufträgen macht LHB-Chef Hans-Jürgen Jabs für den Erfolg verantwortlich. Und das ausgefeilte Know-how. LHB profitiert auch von seinem Ableger in Polen, wo 800 Mitarbeiter einfachere Güterwaggons erheblich günstiger herstellen können als in Salzgitter. Die High-Tech-Fahrzeuge aber müssen aus Deutschland kommen. "ICE-Wagen oder S-Bahnen aus polnischer Produktion würde kein Kunde akzeptieren", sagt Jabs.

LHB gehört zu den traditionsreichsten deutschen Schienenherstellern. 1839 in Breslau gegründet hat das Unternehmen über 160 Jahre lang die Entwicklung von Schienenfahrzeugen maßgeblich bestimmt. Auch an der Entwicklung des ICE war LHB an vorderster Stelle beteiligt. S- und U-Bahnen aus Salzgitter sind gefragte Produkte im In- und Ausland. 1998/99 hat Alstom-LHB in Deutschland knapp 360 Millionen Mark umgesetzt, im laufenden Jahr, das am 31. März endet, sollen es knapp 750 Millionen Mark sein. In den Auftragsbüchern stehen weitere Großaufträge: zum Beispiel jene 54 ICE-Speisewagen für rund 120 Millionen Mark, S-Bahnen für Süddeutschland und für Kopenhagen, Reisezugwagen für Indien oder 144 Straßenbahnen für die Stadtwerke Hannover. Weltweit ist Alstom im Schienenfahrzeuggeschäft mit einem Umsatz von 3,5 Milliarden Euro die Nummer eins, vor Adtranz, Siemens und der kanadischen Bombardier. Im laufenden Jahr werden 3,8 Milliarden Euro Umsatz angepeilt, im Jahr 2003/04 rund fünf Milliarden. Zuletzt lag das Betriebsergebnis bei 211 Millionen Euro, ein Plus 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In drei Jahren sollen es über 400 Millionen Euro sein.

Bis 2002 sind die Auftragsbücher bei LHB in Salzgitter gut gefüllt. 400 neue Arbeitsplätze sind deshalb in den letzten Jahren entstanden, 2450 Menschen arbeiten derzeit für LHB. Zumindest für die nächsten beiden Jahren haben sie einen sicheren Job. "Auch das Jahr 2000/01 haben wir zu den 90 Prozent in den Büchern", sagt Jabs. Für die Jahre danach wird an weiteren Aufträgen gearbeitet. Gemeinsam mit der Deutschen Bahn entwickelt LHB derzeit einen neuen Regionalexpress. Der Prototyp des Niederflurzuges Coradia-Lirex ist fertig. 60 dieser Züge könnte man pro Jahr verkaufen, schätzt Jobs. Das würde jährlich 150 Arbeitsplätze sichern. Noch fehlt der Auftrag der Bahn. Zurecht kommen muss LHB auch damit, dass aus der Option auf weitere 54 ICE 3-Speisewagen nichts wird. Es werden wahrscheinlich nur 18 in Auftrag gegeben. Trotzdem baut Jabs auf den neuen Bahnchef Hartmut Mehdorn. "Er sucht wieder die Partnerschaft der Industrie."

Den LHB-Managern ist klar, dass sie mit Blick auf den Markt vor allem im Nahverkehr weiter wachsen und neue Wege einschlagen müssen. Auch an Teilen von Adtranz ist die Alstom-Tochter möglicherweise interessiert. "Das könnte eine Option sein. Einige Bereiche würden nicht schlecht passen", lässt Jabs durchblicken. Zum anderen wird sich LHB mehr als bisher mit Modellen für die Finanzierung ihrer Produkte, mit Beteiligungen und mit Wartung und Service befassen, vor allem weil viele Stadtwerke dies aus Kostengründen allein nicht mehr leisten können. Einen ersten Wartungsvertrag in Niedersachsen hat LHB bereits abgeschlossen. "In fünf Jahren", sagt der deutsche Alstom-Chef Karl-Heinz Stupperich, "wird mehr als 20 Prozent des Alstom-Umsatzes weltweit im Service erzielt". Das sei auch der Maßstab für LHB.

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