Wirtschaft : Die deutschen Friseure fühlen sich gegenüber ihren europäischen Nachbarn benachteiligt

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Bauhandwerker und Friseure in Deutschland beklagen die mangelnde Unterstützung des mächtigen Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). Der Grund: Bei den meisten Nachbarn Deutschlands müssen Handwerker ab sofort nur noch die ermäßigte Mehrwertsteuer kassieren. Berlin wollte beim EU-Pilotprojekt nicht mitmachen - aus Angst vor Steuerausfällen. Zur Untermauerung ihres Unmutes übergab der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks (ZV) am Donnerstagder Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium, Barbara Hendricks, gut eine Million Unterschriften von Friseurkunden. Unterm Strich werde die Steuermäßigung mehr Umsatz und damit mehr Beschäftigung bringen und zudem die Schwarzarbeit eindämmen, versprechen die Friseure. Sie stützen sich auf eine seit Anfang 2000 gültige EU-Richtlinie. Diese erlaubt den Mitgliedsstaaten, bei "arbeitsintensiven" Dienstleistungen für den Endverbraucher nur den ermäßigten Satz der Mehrwertsteuer (MWSt) zu verlangen. Doch sowohl die alte als auch die neue rotgrüne Bundesregierung haben es abgelehnt, bei dem auf drei Jahre angelegten Pilotprojekt mitzumachen - zum Ärger nicht nur der Coiffeure sondern vor allem auch des Bauhandwerks.

Doch 2002/2003 "werden die Karten neu gemischt", sagt ZV-Präsident Alfred Preußner. Dann müssen die neun EU-Staaten, die von der Richtlinie Gebrauch machen, berichten, ob tatsächlich Arbeitsplätze entstanden sind. Damit könnte es zu einer endgültigen Entscheidung der EU kommen, welchen Satz die Mitglieder künftig für solche Dienstleistungen verlangen müssen.

Bis dahin profitieren die Kunden in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Spanien Portugal und Griechenland. Auch Großbritannien hat einen Antrag gestellt, allerdings nur für die "Iles of Man". Von fünf Tätigkeitsfeldern konnten die Länder maximal drei für die Ermäßigung auswählen. Die Hauptnutzung entfällt auf Renovierung und Reparatur von Privatwohnungen (sieben Staaten). In Frankreich beispielsweise sind hier nur noch 5,5 statt 20,6 Prozent Mehrwertsteuer fällig - da kommen bei einer Wohnungsrenovierung schnell fünfstellige Summen zusammen.

Kleinere Reparaturen von Fahrrädern, Schuhen oder Kleidung sind in vier Ländern begünstigt, ebenso wie häusliche Pflegedienste. Friseure profitieren in drei Staaten, Fenster- und Gebäudereiniger in zwei.

Mit Schuld daran, dass deutsche Maler, Maurer, Schuster oder eben Friseure zunächst leer ausgehen, ist nach Meinung vieler die zögerliche Haltung des mächtigen Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Noch im März 1999 erklärte ZDH-Präsident Dieter Philipp die ermäßigte Mehrwertsteuer zum "falschen Weg". Die Experten des ZDH sind sehr skeptisch, ob die Steuervergünstigung tatsächlich neue Jobs schafft, und nicht nur den Verdienst der Handwerker erhöht. Gegenwind kam auch von den Neidern: Der Einzelhandel warnte vor Wettbewerbsverzerrungen. Wenn die Handwerker die Steuervergünstigung weitergeben würden, würde damit Kaufkraft vom Einzelhandel abgezogen, lautete die Argumentation der Einzelhandelslobbyisten.

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