Wirtschaft : Die Deutschen gehen wieder auf Kur Rentenversicherung zählt deutlich mehr Anträge

Heike Jahberg

Berlin - Erstmals seit vier Jahren ist die Anzahl der Menschen, die an einer medizinischen Reha-Maßnahme teilnehmen möchten, wieder gestiegen. Im vergangenen Jahr beantragten 1,4 Millionen Arbeitnehmer einen Klinikaufenthalt oder eine ambulante Therapie, um nach einer Erkrankung wieder ins Berufsleben zurückkehren zu können. Rund 930 000 Anträge wurden bewilligt, sagte Axel Reimann, Direktor der Deutschen Rentenversicherung Bund, am Donnerstag in Berlin. Für das laufende Jahr gehen die Rentenversicherungsträger von einer weiteren Steigerung aus. Es gebe bislang einen zweistelligen Zuwachs bei den Anträgen, berichtete Reimann.

Bei der Rentenversicherung erklärt man sich die Renaissance der Reha mit der guten Konjunktur. Die Menschen hätten heute weniger Angst um ihren Arbeitsplatz und würden sich daher eher trauen, zur Kur zu fahren. Aber auch demografische Gründe spielen nach Meinung Reimanns eine Rolle: „Die Babyboomer kommen jetzt in das Alter, wo sie Rehamaßnahmen brauchen.“

Die Gründe für eine Reha-Maßnahme haben sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Während früher orthopädische Probleme und Herz-Kreislauf-Erkrankungen besonders häufig waren, gewinnen heute Krebserkrankungen und psychosomatische Indikationen an Bedeutung. Insgesamt gab die Deutsche Rentenversicherung im vergangenen Jahr rund 4,6 Milliarden Euro für Leistungen zur medizinischen Reha aus.

Nach Schätzung der Rentenversicherung wird der Bedarf in den kommenden Jahren aber noch steigen. Allein schon die demografische Entwicklung werde bis zum Jahr 2010 den Reha-Bedarf um gut acht Prozent erhöhen, schätzt Reimann. Hinzu kommen die bereits beschlossene Erhöhung des Rentenalters auf 67 und der Abbau von Vorruhestandsregelungen. Dadurch werde in Zukunft der Anteil der älteren Arbeitnehmer und damit der Reha-Bedarf steigen.

Um die Rente mit 67 abzufedern, will die SPD im Herbst ein Konzept zum flexiblen Übergang in den Ruhestand vorlegen. Die Experten seien „sehr weit“, sagte SPD-Präsidiumsmitglied Ludwig Stiegler den „Ruhr Nachrichten“. Beschäftigte mit belastender Arbeit sollen zusätzliche Rentenpunkte bekommen, um früher aus dem Arbeitsleben ausscheiden zu können. Zudem sollen die bisherigen Regeln über Teilrenten, bei denen Arbeitnehmer sich einen Teil ihrer Rente bereits vor der normalen Altersgrenze auszahlen lassen und dafür Abschläge in Kauf nehmen, flexibler gehandhabt werden, hieß es in der SPD weiter.

Die Deutsche Rentenversicherung begrüßte am Donnerstag die Reformdiskussionen. Wichtig sei aber, dass alle Regelungen für die Rentenversicherung „kostenneutral“ seien, betonte Reinhold Thiede, der bei der Rentenversicherung den Bereich „Entwicklungsfragen zur sozialen Sicherheit“ leitet. Zudem dürften keine sozialpolitisch falschen Signale gesetzt werden. So dürften nicht Arbeitnehmer dafür belohnt werden, dass sie früher in Rente gehen. Heike Jahberg

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