Wirtschaft : Die deutschen Großbanken haben ehrgeizige Ziele

ROLF OBERTREIS

Übernahmen sind nicht zu erwarten / Stattdessen Fusionen möglich / Börsenwert der Institute enorm gestiegenVON ROLF OBERTREISAnleger und Experten erwarten offenbar noch einiges von den Großbanken.Anders sind die Kurssprünge der Aktien von Deutscher, Dresdner und Commerzbank in dieser Woche nicht zu erklären.Die Mammutfusion der US-Banken Citicorp und Travelers hat den deutschen Geldhäusern noch mehr Schwung verliehen.Das Jahr 1998 könnte spannend werden, die deutsche Bankenlandschaft könnte sich nachhaltig verändern."Alles ist möglich", hieß es bei Analysten schon im vergangenen Jahr. 1997 hat mit Blick auf die Großbanken einen unerwarteten und nicht immer positiven Verlauf genommen.Rolf Breuer rückt an die Spitze der Deutschen Bank und beginnt, das Unternehmen radikal umzukrempeln.In München einigen sich die Bayerische Vereinsbank und die Bayerische Hypobank auf die Fusion, bei der Dresdner Bank muß Vorstandssprecher Jürgen Sarrazin seinen Hut nehmen und bei der Commerzbank schaffen es die Händler trotz der glänzenden Börsenlage, im Eigenhandel den Gewinn nachhaltig zu drücken.Und die Finanzkrise in Asien reißt auch die deutschen Banken aus ihren Träumen, in Thailand, Indonesien oder Korea gutes Geld zu verdienen. Am Schluß steht vor allem die Deutsche Bank gebeutelt da.Nach neun Monaten hatte sie noch rosarote Zahlen vorgelegt.Am Jahresende muß sie der Krise in Asien und mangelhaften Strukturen vor allem im Investmentbanking hohen Tribut zollen.Eine Mrd.DM legt das größte deutsche Geldhaus für seine ungesicherten Asienkredite in Höhe von neun Mrd.DM zurück.Das Betriebsergebnis halbiert sich.Mit nicht einmal drei Mrd.DM verdient die Nummer eins der Branche 1997 erstmals seit Jahren weniger als die Dresdner Bank und auch weniger als die beiden Münchner Großbanken zusammen. Vorstandssprecher Breuer entschließt sich trotzdem zu einem weiteren radikalen Schnitt.Für den mit Blick auf das internationale Umfeld unvermeidlichen Umbau der Bank legt er noch einmal 2,5 Mrd.DM zur Seite.Am Ende erreicht die mit einer Bilanzsumme von mehr als einer Billion DM größte deutsche - und bis zur Fusion der beiden Schweizer Großbanken - auch größte europäische Bank einen Nachsteuer-Gewinn von nur 1,5 Mrd.DM.Eigentlich ein Fiasko.Andererseits aber will Breuer das Steuer rechtzeitig herumreißen. Im übrigen: Keine andere der deutschen Großbanken hätte sich einen ähnlichen milliardenschweren Kraftakt leisten können, ohne in rote Zahlen zu rutschen.So gesehen ist auch das ein Ausweis für die ungebrochene Stärke der Deutschen Bank. Die beiden Münchener Großbanken waren 1997 vor allem damit beschäftigt, die jeweils eigenen Stärken auszuloten und die Vorbereitungen für die Fusion voranzutreiben.Im Frühsommer auf den Hauptversammlungen soll der Zusammenschluß von den Aktionären endgültig abgesegnet werden.Sie dürfen sich im übrigen auch über ein durchaus erfreuliches Geschäftsjahr 1997 freuen.Asien hat bei den Münchner Geldhäusern genauso wie bei Dresdner oder Commerzbank nicht nachhaltig ins Kontor geschlagen. Nach den Führungsquerelen - die im übrigen das Rekordjahr nicht verhindert haben - ist der neue Vorstandssprecher Bernhard Walter noch am Ausloten, wo die Dresdner Bank Schwächen hat und wie der Weg in die Zukunft genau aussehen soll.Mit ihrer geschäftspolitischen Ausrichtung liegt die Nummer zwei der Branche aber offenbar nicht falsch.Deutliche Zuwachsraten bei allen wichtigen Ertragszahlen lassen keinen anderen Schluß zu. Wären die Steuervergehen diverser Vorstandsmitglieder nicht gewesen und hätte Ex-Vorstandssprecher Jürgen Sarrazin die Kritik konstruktiv aufgenommen, die Dresdner Bank könnte von einem wirklich guten Jahr sprechen.So könnte es auch der Commerzbank gehen, wären die Peinlichkeiten im Eigenhandel nicht vorgefallen.Wie hätte das Rekordergebnis erst ausgesehen, wenn man dort ähnlich zugelegt hätte wie die Konkurrenz? Angesichts des immer schärferen internationalen Wettbewerbs und im Vorfeld der Europäischen Währungsunion, die Europa zum Heimatmarkt auch der deutschen Geldhäuser macht, wissen die deutschen Großbanker, daß Handlungsbedarf besteht.Die Deutsche Bank muß endlich einen Partner in Frankreich finden und klarstellen, wie es im Versicherungsbereich weitergehen soll.Und sie muß im Investmentbanking richtig auf die Beine kommen.Immer noch geht die Begleitung großer Transaktionen an ihr vorbei an amerikanische oder britische Konkurrenten wie JP Morgan oder Goldman Sachs. Die Dresdner Bank muß sehen, wie sie die angestrebte Kooperation mit der Allianz festzurrt und die Commerzbank wird sich anstrengen müssen, einen schlagkräftigen Investmentbereich aufzubauen.Immerhin soll das 2000 neue Jobs bringen.Unter dem Strich haben sich die Großbanker ehrgeizige Ziele gesetzt, nicht nur Deutsche Bank-Chef Rolf Breuer, für den das erste Jahr an der Spitze eine herbe Enttäuschung gewesen sein muß. Trotz eines durchwachsenen Bankenjahres stehen die deutschen Geldhäuser freilich ganz ansehnlich da.Ein Blick auf die Einstufung der Großbanken an der Börse genügt: Der Börsenwert der Deutschen Bank ist 1997 um 90 Prozent auf 67,5 Mrd.DM gestiegen - derzeit sind es fast 80 Mrd.DM - die Dresdner Bank war Ende 1997 mit 42,5 Mrd.DM doppelt so viel wert wie ein Jahr zuvor und die Commerzbank wurde mit 32,4 Mrd.DM sogar um 106 Prozent höher bewertet als Ende 1996. Dies alles zeigt auch: Übernahmen wären kaum zu bezahlen.Wenn es zu weiteren Konzentrationen im Bankenbereich kommt, dann am ehesten durch Fusionen.

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