Wirtschaft : Die Deutschen kaufen Autos – aber nur im Kopf

Das unübersehbare Angebot verwirrt die Kunden

Alexander Dluzak

Derzeit träumen die Deutschen meist nur von einem neuen Auto. „Autos werden schon gekauft“, sagt Peter Brietsche von der Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) in Nürnberg, „zur Zeit aber eben nur im Kopf“. Besonders Kleinwagen bis hin zur Mittelklasse sind von der Flaute betroffen. „Kleinwagen werden überwiegend von Privatleuten gekauft“, sagt Brietsche, „aber die halten sich momentan eben zurück“. Die Nachfrage bei Geschäftskunden, die zumeist Modelle oberhalb der Mittelklasse verlangen, sei einigermaßen stabil geblieben. Warum aber Privatleute ihrem alten Auto die Treue halten und nur in Gedankenspielen an den Kauf eines Neuwagens denken, sei eine komplexe Angelegenheit, sagt Brietsche.

Da sei zum einen die Politik der Bundesregierung. Ob nun Praxisgebühr oder Lkw- Maut – alles sei irgendwie ein großes Durcheinander. Unterbewusst beeinflusse das den potenziellen Kunden. Er verliere an Tatkraft und träume weiter vom Neuwagen anstatt zu kaufen. Das Gerede um den Wirtschaftsstandort Deutschland trübe den Blick für die eigene Zukunft. „Bei uns sieht es nicht düsterer aus, als in den anderen Ländern“, sagt Brietsche, „aber die Deutschen heulen ja immer gleich“.

Als wirkliche Konsumbremse sieht der Konsumforscher die Diskussion um die Steuer- und Rentenreform: „Die Leute wissen einfach nicht, was in den kommenden Jahren unterm Strich übrig bleibt.“ Planungssicherheit sei nicht vorhanden. Größere Investitionen werden verschoben, das aktuelle Auto fährt man dann eben noch ein oder zwei Jahre. Und kaum einer der Jüngeren wisse so genau, ob und wie viel staatliche Rente er künftig bekomme. „Da sparen viele Leute doch lieber auf die Eigentumswohnung oder Doppelhaushälfte als Altersvorsorge, anstatt Geld für ein neues Auto auszugeben“, sagt Brietsche. Autos hätten eben einen hohen Wertverlust und seien als Geldanlage deshalb ungeeignet.

Der Trend zum Sparen zeigt sich beim Trend zum Diesel. Zwar ist der Diesel wegen der höheren Steuern und Versicherung nur für Vielfahrer günstiger als ein Benziner, doch die direkte Sparerfahrung an der Tankstelle durch den geringeren Kraftstoffpreis suggeriere dem Fahrer ein positives Gefühl. „Der Kunde braucht beim Autokauf immer auch eine Art Trostpflaster, weil er ja so viel Geld ausgegeben hat“, sagt Brietsche.

Der Industriesoziologe Michael Schumann sieht in der Unübersichtlichkeit einen Grund für die Kaufzurückhaltung. „Die Angebotspalette der Autohersteller hat sich in den vergangenen zehn Jahren stark erweitert“, sagt Schumann. Damit habe die Industrie auf den Wunsch der Käufer nach Individualität reagiert. Doch mittlerweile sei das Angebot an Modellen, Ausstattungsvarianten, Farben und Extras so groß, dass der Kunde sich kaum zurechtfinde. Das breitere Angebot habe zwar die Auswahl vergrößert aber gleichzeitig auch eine Hemmschwelle geschaffen. „Der Autokauf ist zu einem Verwirrspiel geworden“, sagt Schumann. Auch lockten technische Innovationen weniger als früher, der Kunde stelle immer häufiger die Frage, ob er das wirklich brauche.

„Hauptsächlich kauft der Kunde ein Auto, um von A nach B zu fahren“, sagt Konsumforscher Brietsche. Natürlich sei der Pkw auch weiterhin ein Statussymbol. Das Auto biete die Möglichkeit, sich nach außen zu zeigen. „Die eigene Wohnung sieht keiner“, sagt Brietsche. Zugenommen habe die Bedeutung des Autos für die Freizeit. So sei auch der Erfolg der „Fun-Cars“ zu erklären, also Cabrios, Roadster und Geländewagen.

Die Automobilindustrie versucht derzeit den Automarkt in Schwung zu bringen. Rabatte, kostenlose Extras und günstige Finanzierungsmodelle sollen die Kunden ködern. „Wer sich jetzt zum Kauf eines Neuwagen entschließt, kann schnell ein paar tausend Euro sparen“, sagt Brietsche. Doch die Preisrabatte würden kaum wahrgenommen. „Momentan ist der Kauf eines Neuwagens für die meisten Bundesbürger fast surreal.“ Die Automobilindustrie müsse die Lethargie aufbrechen und dem Kunden vermitteln, dass jetzt der richtige Zeitpunkt sei, ein gutes Produkt zu einem guten Preis zu bekommen. Vor einem aber warnt der Experte: Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, die Industrie verramsche die Autos. „Das könnte bei den deutschen Autoherstellern zu einem erheblichen Imageschaden führen“, sagt Brietsche. Außerdem sei es dann in besseren Zeiten kaum möglich, die Preise wieder anzuheben.

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