Wirtschaft : "Die Deutschen sind risikofreudiger geworden"

Welchen Ansprüchen muß Vermögensberatung heute genügen? Was erwarten die Anleger? Was kann ein Anlageberater vermögenden Privatkunden zur Zeit empfehlen? Martina Ohm fragte die dafür zuständige Bankfachfrau und Vermögensberaterin der Citibank Privatkunden AG in Berlin, Claudia Steffen, die einen Großteil der Privatkundschaft in Berlin betreut.

TAGESSPIEGEL: Die Vermögensberatung gehört heute zum Kundengeschäft jeder Bank.Was muß man als Privatkunde beachten, wenn man sich einer Vermögensberatung anvertraut?

STEFFEN: Neben dem Preis/Leistungsverhältnis ist bei der Vermögensberatung wichtig, daß sich der Anleger bei seiner Bank wohlfühlt und sofort Vertrauen zum Anlageberater entwickelt.Eine gute Anlageberatung erkennt man außerdem daran, daß der Anleger keine vorgefertigten Informationen und Angebote erhält.

TAGESSPIEGEL: Berlin ist - an seiner Einkommensstruktur gemessen - kein Standort für große Vermögen.Erwarten Sie in der Folge des Regierungsumzugs auch Vermögenstransfer an die Spree?

STEFFEN: Sicher wird sich das Einkommens- und Vermögensniveau in Berlin durch den Regierungs- und Parlamentsumzug erhöhen.Auch wird die Bedeutung Berlins als Finanzplatz durch den Umzug gestärkt.Dennoch haben wir bereits jetzt die Erfahrung gemacht, daß der Vermögensanlagemarkt in Berlin wächst.So haben sich 1997 unsere Wertpapierumsätze in Berlin auf 355 Mill.DM mehr als verdoppelt.

TAGESSPIEGEL: Im Moment befindet sich der Anleger zwischen Baum und Borke.In den USA spricht man über höhere Zinsen, in Deutschland ist der Börsentrend unklar.Welche Empfehlung geben Sie Ihren Kunden in dieser Situation?

STEFFEN: Da die Zinssignale aus den USA durch die positiven Erwartungen aufgrund des Euros überkompensiert werden, bleiben aus unserer Sicht die Aktienmärkte, vor allem in Europa, interessant.

TAGESSPIEGEL: Je risikoreicher die Anlage in Aktien, um so größer das Interesse an breit gestreuten Fonds jeder Art.Welche Branchen empfehlen Sie derzeit dem Fonds-Anleger?

STEFFEN: Als interessanten Markt sehen wir begünstigt durch die Währungsunion den europäischen Aktienmarkt.Grundsätzlich empfehlen wir Automobilwerte, aber auch Titel aus der Pharmabranche, der Telekommunikation, Software und Versorgung.

TAGESSPIEGEL: Welche Erfahrungen machen Sie mit Ihren Privatkunden im Hinblick auf die Risikobereitschaft? Im Vergleich zu den Amerikanern gelten die Deutschen als besonders risikoscheu.Hat sich an diesem Verhalten etwas geändert?

STEFFEN: Deutsche Anleger sind risikofreudiger geworden.So haben wir beflügelt durch Börsengänge wie Telekom- und Pro 7 ein spürbar gestiegenes Interesse an Aktien und Aktienfonds registriert.Auch die gute Entwicklung des Neuen Marktes zeigt, daß mehr Anleger bereit sind, ein höheres Risiko einzugehen.Der Aktienboom hat aber auch bewirkt, daß es viele Anleger gibt, die höhere Erträge wünschen, ohne auf hohe Sicherheit zu verzichten.Diese Anleger wählen vor allem Garantiefonds.

TAGESSPIEGEL: Unsere Sozialsysteme müssen reformiert werden.Eine der notwendigen Überlegungen geht dahin, Vermögen als Altersvorsorge und Ersatz für die Rente zu bilden.Spüren Sie bei Ihrer Beratungstätigkeit hier eine entsprechende Bereitschaft der Kunden?

STEFFEN: Durch die anhaltenden Diskussionen um die Sicherheit der Rente sprechen uns viele Kunden aktiv auf private Vorsorgemöglichkeiten an, während früher der Anlageberater den Kunden auf die Notwendigkeit privater Vorsorge hinweisen mußte.Auch die Nachfrage nach Vorsorgeprodukten hat sich gewandelt.So wählen immer mehr Kunden private Rentenversicherungen, Aktien- oder Immobilienfonds anstelle der Kapitallebensversicherung als klassisches Vorsorgeprodukt.

TAGESSPIEGEL: Bei einem Wahlsieg will die SPD die inzwischen abgeschaffte Vermögenssteuer wieder einführen.Müssen die Vermögensberater dann wieder umdenken?

STEFFEN: Aufgrund der hohen Freibeträge galt die Vermögenssteuer ohnehin nicht für die Masse der Privatpersonen.Ein generelles Umdenken der Vermögensberater ist deshalb nach meiner Ansicht nicht erforderlich.Und für die Fälle, in denen die Vermögenssteuer relevant ist, existieren bereits verschiedene Möglichkeiten steueroptimierter Geldanlagen.

TAGESSPIEGEL: Der Trend, aus steuerlichen Gründen sein Vermögen im Ausland zu deponieren, hält weiter an.Die Gründe dafür sind verständlich.Was raten Sie Ihren Kunden?

STEFFEN: Wir empfehlen nicht, aus steuerlichen Gründen Geld im Ausland anzulegen.Auch im Ausland erzielte Erträge sind steuerpflichtig, so daß allenfalls ein Steuerstundungseffekt erzielt wird.Außerdem sollten steuerliche Gesichtspunkte nicht Hauptmotiv für die Geldanlage sein.

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