Wirtschaft : Die Direktbanken machen Druck im Geldgeschäft

MARIETTA KURM-ENGELS (Hb)

Das Direktbankkonzept ist mehr als ein neuer Vertriebsweg."Ein neuer Vertriebsweg würde nicht zu so gravierenden Umwälzungen im Bankwesen führen, wie wir sie zur Zeit beobachten." Diese Einschätzung äußerte Bernhard Hafner, Vorstandsvorsitzender der Allgemeinen Deutschen Direktbank und Sprecher des Arbeitskreises "Direktbanken" beim Bankenfachverband, in einem Gespräch mit dem Handelsblatt.

Im Bankenfachverband sind zehn deutsche Direktbanken zusammengeschlossen, die alle selbständige organisatorische Einheiten bilden.Nicht vertreten sind Finanzinstitute, die Directbanking nur als Vertriebssystem ansehen, wie beispielsweise die Citibank oder die 1822direkt.

"In dem Moment, wo wir drei Prozent Guthabenzins auf laufende Rechnung vergüten, ist das ein Angriff auf das etablierte Bankgeschäft", konstatiert Hafner."Mit diesen neuen Spielregeln müssen die Filialbanken erst einmal zurechtkommen." Die Deutsche Bundesbank ist sein Zeuge für die Verschärfung des Wettbewerbs.Zweimal in Folge - für 1995 und 1996 - hätten die Währungshüter bei ihrer jährlichen Analyse der Ertragskraft deutscher Banken festgestellt, daß deren Zinsspanne enger geworden sei, obwohl sie sich sonst in Zeiten sinkender Zinsen eher ausweite.Durch eine höhere Verzinsung von Sichteinlagen, so die Bundesbank, versuche die Kreditwirtschaft den Abfluß von Einlagen an Direktbanken zu vermeiden.

Die Direktbanken haben Hafner zufolge aber nicht nur die Konditionen für die Verbraucher verbessert.Es sei auch ihr Verdienst, wenn der Service in den Vordergrund rücke.Den Beginn der Wechselbeziehung zwischen Bank und Kunden datiert der Frankfurter Bankier auf das Jahr 1994, als zuerst die Direkt Anlage Bank massiv in den Markt gegangen sei.Dadurch habe der Verbraucher erst erfahren, was Directbanking biete.

Daß sich die etablierten Banken von den Direktbanken angegriffen fühlten, zeige auch der Streit mit den Sparkassen um die Geldautomaten.Wenn etwa die Sparkassen den Direktbanken die Geldausgabe-Automaten mit der Begründung sperrten, die Direktbanken seien "Trittbrettfahrer, dann ist das ein vorgeschobenes Argument, das sich gegen die lästigen Wettbewerber richtet".

Bei allem Lob für die "Störenfriede" im Bankgeschäft bleibt Hafner kritisch.Er kommentiert die Studie des Arbeitskreises Direktbanken beim Bankenfachverband vom Herbst vergangenen Jahres, nach der die Direktbanken 1,5 Millionen Kunden haben und weitere 3,8 Millionen Befragte bereit sind, in den nächsten sechs Monaten Kunde einer Direktbank zu werden."Sie können davon ausgehen, daß die Direktbanken in einem halben Jahr nicht über fünf Millionen Kunden haben werden.Zwischen Kundenzahl und Kundenpotential klafft eine Lücke." Woran das liegt? "Die Direktbanken müssen noch viel lernen." Die Kunden seien anspruchsvoll.Das Hauptproblem der Direktbanken sei, daß sie zuviel Wert auf die Kundenakquisition und zuwenig Wert auf die Kundenbindung legten.In der Praxis gebe es ein Indiz dafür, daß die Institute Erwartungen weckten, die sie nachher nicht erfüllen könnten.

Bei der Frage, welche Leistungen Kunden von einer Direktbank erwarten, verweist Hafner auf eine Infas-Studie, die untersucht, welche Präferenzen Direktbank-Kunden haben.Danach legen "normale" Bankkunden Wert auf einfache Produkte, Service und Erreichbarkeit.Während 27 Prozent der normalen Kunden Konditionen für wichtig erachten, sind es bei denjenigen, die Direktbanken bevorzugen, lediglich 19 Prozent.Hafner räumt ein, daß manche Direktbank "im Augenblick erst einmal etwas kleinere Brötchen backt".Gerade die neuen seien mit der überzogenen Vorstellung an den Markt gekommen, innerhalb von zwei oder drei Jahren große Gewinne zu machen.

Insbesondere den neuen Direktbanken sei es zwar gelungen, bereits ein interessantes Einlagen- und Wertpapiergeschäft aufzubauen, von einem entwickelten Kreditgeschäft könne aber noch keine Rede sein.Das Kreditgeschäft sei aber eine wichtige Säule in der Ertragsrechnung.

Die von einigen Mitbewerbern vertretene Auffassung, daß am Markt auf Dauer nicht für alle heute bestehenden Direktbanken Platz ist, teilt Hafner nicht.Längerfristig hätten die Institute die besten Perspektiven.Bei einem Marktpotential von rund 14 Millionen Bankkunden müsse man sich schon sehr ungeschickt anstellen.Außerdem komme den Direktbanken der Trend zu den neuen Technologien, vor allem des Internets, zugute.Schätzungen zufolge würden im Jahr 2010 nur noch 20 Prozent der Bankgeschäfte von heute über den Bankschalter abgewickelt.Gegenüber den Filialbanken seien die Direktbanken dabei eindeutig im Vorteil.Unter ihnen tun sich nach Meinung Hafners diejenigen leichter, die keine Muttergesellschaft haben, von der sie sich in ihrer Philosophie abgrenzen müssen."Sie haben zwar auch nicht deren finanziellen Rückhalt, aber dafür die Chance, sich ausschließlich am Markt zu orientieren."

Vom Euro erwartet der Bankier den Durchbruch für die Direktbanken in Europa.Es gebe durchaus Ambitionen bei deutschen Direktbanken, ins Ausland zu gehen.Zur Zeit bestünden noch Hemmnisse.Für die Legitimationsprüfung beispielsweise, die für jedes Konto vorgenommen werden müsse, existierten in den einzelnen Ländern unterschiedliche Vorschriften.Sie seien im Ausland zum Teil komplizierter als in Deutschland.Eine aggressive Konkurrenz aus dem europäischen Ausland nach dem 1.Januar 1999, weil etwa ausländische Direktbanken weiter sind als die deutschen, erwartet Hafner nicht.Selbst die Amerikaner hätten lediglich einen Vorsprung beim Internetauftritt, nicht aber beim Directbanking.

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