Wirtschaft : Die Dividende ist nicht alles

Susanne Schmitt

Bei Daimler gibt es dieses Jahr nicht viel zu holen, und die Aktionäre der Lufthansa gehen ganz leer aus. Die Rede ist von den Dividenden. In diesem Jahr hat die Hälfte der 30 großen Dax-Unternehmen die Ausschüttung an die Aktionäre gekürzt oder lässt sie sogar ganz ausfallen. Für Anleger, die beim Kauf von Aktien auf die so genannte Dividendenrendite setzen, ein harter Schlag? Auf keinen Fall, sagen die Anhänger der "Dividendenstrategie". Wenn, dann hat es nur Sinn, langfristig in Titel mit einer hohen Dividendenrendite zu investieren. Ein paar Jahre mit niedrigen Erträgen fallen so gar nicht ins Gewicht.

Die Dividendenrendite gibt an, wie sich das eingesetzte Kapital beim Kauf einer Aktie rentiert. Sie wird ermittelt, indem man die zuletzt gezahlte Dividende durch den aktuellen Kurs teilt und mit 100 multipliziert. Wer sich an der Dividendenrendite beim Aktienkauf orientiert, der legt sich Substanzwerte oder im Börsenjargon "Value-Aktien" ins Depot - eine Strategie, die nach dem Platzen der Technologieblase wieder mehr Anhänger findet.

An einem bestimmten Stichtag werden die fünf oder zehn Dax-Werte mit der jeweils höchsten Dividendenrendite gekauft. Ein halbes oder ganzes Jahr später wird das Portfolio überprüft und entsprechend angepasst. So wäre Daimler-Chrysler, im März Spitzenreiter mit über vier Prozent, jetzt rausgeflogen, nachdem sich die Dividendenrendite auf rund zwei Prozent halbiert hat.

Wer das in der Vergangenheit zehn, zwanzig oder mehr Jahre so gemacht hat, der lag zumindest am Deutschen Aktienmarkt um rund drei Prozent besser als der Dax. Das haben Forscher der Universität Mannheim herausgefunden.

Keine Strategie sieht die Zukunft voraus

Eine hohe Dividendenrendite in der Vergangenheit sagt aber noch nichts über den künftigen Kursverlauf und auch nichts über den Erfolg eines Unternehmens in der Zukunft aus. "Das ist natürlich richtig so", sagt Martin Weber, Professor für Bankbetriebslehre in Mannheim. Aber mit keiner Strategie könne man die Zukunft vorhersehen, Empfehlungen beruhten immer auf Erfahrungen in der Vergangenheit.

Die Dividendenrendite alleine tauge nicht zur Bewertung der Investmententscheidung, sagen Kritiker wie Oliver Wojahn, Analyst bei der Berenberg-Bank in Hamburg. So eigne sich die Strategie nur für wachstumsschwache Werte. "Sicher zahlen viele große Unternehmen in jedem Jahr eine Dividende, wenn die Dividendenkontinuität ein Teil der Unternehmenspolitik ist. Aber wenn die Zahlungen an die Aktionäre nicht aus den laufenden Einnahmen bestritten werden, dann geht das an die Substanz", sagt Wojahn. Viele Wachstumsfirmen zahlen gar keine Dividende und investieren die Gewinne wieder in das Unternehmen. Zudem nutzen mechanische Ansätze Marktineffizienzen aus. Wissen einige Anleger mehr als andere, können sie allein dadurch mehr Gewinn erzielen. Das funktioniere aber nur so lange, bis alle wissen, wie es geht, so Wojahn weiter.

Eine hohe Dividendenrendite muss auch nicht immer positiv sein. Sie kann zum Beispiel auf einen niedrigen Kurs der Aktie wegen schlechter Nachrichten zurückzuführen sein. Umgekehrt kann eine niedrige Dividendenrendite möglicherweise ein Indiz dafür sein, dass das Unternehmen seinen Gewinn nicht ausschüttet, sondern in renditestarke Investitionsobjekte investiert. Populärstes Beispiel: Microsoft zahlt bis heute keine Dividende. So warnen die Aktienstrategen der Dresdner Bank: Die Dividendenrendite als alleinige Anlagerichtschnur sei mit Vorsicht zu genießen. Das Hauptmotiv einer Aktienanlage liege immer auf einer hohen Gesamtrendite, die aber sei in hohem Maße von der Kursentwicklung bestimmt.

"Dennoch ist eine Anlage nach dem Kriterium Dividendenrendite im Augenblick durchaus interessant", meint Hans-Jörg Naumer vom Investor-Relations-Team der Dresdner Bank. Als die Kurse während des New-Economy-Booms allgemein auf höherem Niveau waren, ergaben sich dadurch auch geringere Renditen. Da in den kommenden Jahren wieder höhere Gewinne erwartet werden, steigen die Dividenden und damit auch die Renditen wieder. Trotz der aktuellen Marktschwäche liege die durchschnittliche Dividendenrendite in Euroland bei rund 2,5 Prozent und damit im langjährigen Durchschnitt. Gerade in schwachen Zeiten geraten die Ausschüttungen wieder in den Blickpunkt der Anleger. Denn wer in einer Schwächephase noch einen Teil des Gewinnes ausschüttet, dem kann es gar nicht so schlecht gehen. Dennoch raten Anlageexperten immer dazu, nicht nur eine Kennziffer wie die Dividende zu beachten, die allein auf der Vergangenheit beruht, sondern auch gegenwartsbezogene Daten wie Branchenanalysen ins Kalkül einzubeziehen.

Die Mannheimer Forscher sind da zuversichtlicher. Professor Weber: "Es spricht vieles dafür, dass die Muster der Vergangenheit in der Zukunft wieder eintreten werden." Auf der Daimler-HV spielte die gekürzte Dividende dann auch gar keine so große Rolle. Und den Aktionären der Schering AG, die am Donnerstag ihre Hauptversammlung abhält, dürfte die Dividendenrendite ganz egal sein: Sie liegt aktuell bei unterdurchschnittlichen 1,39 Prozent.

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