Wirtschaft : Die Dominosteine in Lateinamerika

CARL D.GOERDELER

RIO ."Wenn Nordamerika den Schnupfen hat, droht Lateinamerika eine Lungenentzündung" - dieser Spruch gilt noch, doch derzeit droht im Westen eine ganz andere Ansteckungsgefahr: Wenn nämlich in Brasilien das finanzielle Gelbfieber ausbricht, dann geht es auch den Nachbarn an den Kragen, und Nordamerika wird sich dabei anstecken.Seit sechs Monaten befinden sich die südamerikanischen Börsen im Sturzflug.Mexiko, Chile und Peru sahen den Wert ihrer Währungen schwinden.Die Devisenreserven schmolzen dahin; in Brasilien, der Lokomotive des Kontinents, blieben von 74 Mrd.Dollar gerade einmal 48 Mrd.übrig - pro Tag flossen 500 Mill.Dollar aus dem Land; die Binnenverschuldung explodierte von 153 Mrd.Real auf 346 Mrd., rund 280 Mrd.Dollar, und das brasilianische Haushaltsdefizit verdoppelte sich von 4,46 auf beinahe acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP).

Die dramatische Verschlechterung der Staatsfinanzen in Südamerika und ganz besonders in Brasilien haben sich die Regierungen selber zuzuschreiben.Die Politiker hatten geglaubt, der mit geliehenem Geld erzielte Boom ginge immer so weiter.Vor allem haben die Regierungen von Mexiko bis Feuerland versäumt, die versprochenen Reformen durchzusetzen.Handelserleichterungen, Zollsenkungen und die Privatisierung der Staatsunternehmen sind zwar von Nord und Süd erfolgt - aber der Abbau des teuren Beamtenapparats und der Aufbau eines effektiven Finanzwesens blieben aus.

Auf jede neue Dollar-Fluchtwelle reagierten die Latinos mit Zinserhöhungen - die die Wirtschaft arg beuteln.Untragbar sind die hohen Zinsen aber vor allem für den hoch verschuldeten Staat selber.Die Rekordzinsen treiben den Haushalt geradewegs in den Ruin."Die Regierung muß drei bis vier Prozent vom Bruttoinlandsprodukt, also rund 30 Mrd.Dollar einsparen, nur dann hat sie eine Chance, internationale Hilfe zu bekommen.Doch selbst dann bleiben die Zinsen oben und die Wirtschaft wird um ein bis zwei Prozent schrumpfen.Es gibt keine andere Wahl.Wir müssen zwischen Rezession und Rückkehr der Inflation wählen", sagt der Ex-Finanzminister Mailson da Nobrega in Brasilien.

In Washington, beim Internationalen Währungsfonds (IWF), schnürt man bereits ein Hilfspaket für Brasilien zusammen.Der Finanzminister Pedro Malan und der Zentralbankpräsident Gustavo Franco sondieren schon seit Wochen die Aussichten auf neue Stützungskredite.Die aber erhält Brasilien nicht, so Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer, solange die Regierung nicht den Haushalt in den Griff bekommt.Die Chance, daß das größte lateinamerikanische Land gleichwohl eine Finanzspritze bekommt, ist hoch.Die US-Banken sind in Brasilien mit 28 Mrd.Dollar Kredit engagiert; das ist ein größeres Obligo als sie mit Mexiko (17 Mrd.) oder gar Rußland (sieben Mrd.) halten.Wenn Brasilien kippt, strauchelt der ganze Kontinent.

Nun erinnert man sich auch wieder daran, daß Mexiko 1982 und Brasilien 1987 einseitige Schuldenmoratorien erließen, die ihre Kreditwürdigkeit auf Jahre beeinträchtigten.Droht das erneut? Wohl kaum, denn die Auswirkungen auf Nordamerika und den Rest der Welt wären katastrophal - und deshalb versuchen nun alle, der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und die Chefs der G-7-Staaten, Dämme dagegen zu bauen.Nur die Frage, wie die Latinos ihre Schulden abtragen können, bleibt selbst den Experten ein Rätsel.

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