Wirtschaft : Die dunkle Seite der Pracht

Blond ist außer Mode. Frauen tragen ihr Haar wieder braun oder brünett – weil sie geistvoll wirken wollen

Cecilie Rohwedder

Die Dominanz der Wasserstoffblondinen ist gebrochen. Von London bis Texas geht der Trend ebenso in Richtung Brünett wie in den einflussreichen Modemagazinen. Bei Haarfärbemitteln verkaufen sich die dunklen Töne schon seit langem am besten – schließlich ist die Mehrheit der Weltbevölkerung dunkelhaarig.

Zuletzt haben diese Farben aber auch in solchen Teilen der Welt zugelegt, die für ihre blonden Mähnen bekannt waren. In Westeuropa und vielen Städten der USA sind die blonden Töne immer mehr auf dem Rückzug, so die Haarfarbenspezialisten von Clairol, einer Kosmetiksparte des US-Konzerns Procter&Gamble. Auch bei Frankreichs L’Oréal macht das Spektrum der braunen Haarfarben inzwischen 39 Prozent der US-Verkäufe aus, gegenüber 31 Prozent im Jahr 2002. In der gleichen Zeit ging die Nachfrage an goldenen Tönen zurück. Bei „Hellblond“ fielen die Marktanteile sogar von 24 auf 18 Prozent. Laut dem Marktforschungsunternehmen AC Nielsen stieg der Verkauf dunkler Färbemittel bei den meisten Kosmetikunternehmen des US-Marktes, auf dem jährlich umgerechnet 1,3 Milliarden Euro für Haarfärbeprodukte umgesetzt werden.

„Frauen wollen, dass ihre künstliche Haarfarbe authentisch aussieht“, sagt Linda Wells, Chefredakteurin beim Modemagazin „Allure“. In diesem Jahr hob die Zeitschrift sechs Mal eine Brünette auf das Titelblatt, im ganzen vergangenen Jahr waren es gerade einmal drei. „Für uns ist das ein echter Umschwung“, sagt Wells.

Auch Haarstylisten und Friseursalons sehen einen Run auf die dunklen Töne und bestätigen, dass auch Blondinen und Rothaarige inzwischen zur dunklen Seite überlaufen. Wella, eine deutsche Tochterfirma von Procter & Gamble, berichtet, dass die Verkäufe von dunklen Tönen an die Salons im Jahr 2004 gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent gestiegen sind. Laut Oliver Schmidt, der sechs Salons im Westen Deutschlands betreibt, folgen einheimische Prominente wie Nadja Auermann den dunkelhaarigen Hollywoodstars. Seine Kunden wollen da mitziehen und treiben die Nachfrage nach dunklen Farben in die Höhe.

Hinter der Bewegung zum braunen Haar steht ein neues Schönheitsideal, sagen die Kosmetikfirmen. Nicht mehr das blonde Granaten-Image, sondern der mit dunklen Haaren verbundene geistvolle Eindruck sei zunehmend gefragt. Ein Wandel im Zeitgeist tat ein Übriges für die Abkehr von der Wasserstoffblondierung: In Zeiten von Kriegen und wirtschaftlicher Unsicherheit wenden sich die Verbraucher gern stabilen Werten wie Ernsthaftigkeit und Gelehrtheit zu. Ein anderer Grund für den brünetten Umschwung ist die veränderte Demografie der westlichen Welt, wo große Teile der Bevölkerung immer älter werden. Damit steigt auch der Bedarf an Haarfärbemitteln, um graune Strähnen zu überdecken.

Angesagte Latino-Stars wie Jennifer Lopez, Salma Hayek und Penélopé Cruz heizen den Ansturm auf dunkle Haarfarben zusätzlich an. „Wir kommen in eine Zeit, die in Sachen Mode und Unterhaltung von der Latinokultur dominiert wird“, sagt David Wolfe, Kreativchef der Doneger Group, einem Beratungsunternehmen für den amerikanischen Einzelhandel. „Es gibt einen merklichen Wandel unserer Vorstellungen über Schönheit.“

In Hollywood waren die Brünetten lange Zeit in der Mehrheit, und nur wenige Schauspielerinnen färbten ihre Haare. Die Idee, dass die Herren von Blondinen besonders angetan sind, kam erst zu Zeiten von Marilyn Monroe und der von ihr losgetretenen Blondinenschwemme. Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung waren die Damen mit dunkler Haartracht und Robe dann wieder klar in der Überzahl. An den Zuschauern ging dies nicht spurlos vorbei: „Nach der Übertragung kamen viele unserer blonden Kundinnen zu uns, um sich die Haare dunkel färben zu lassen“, sagt Sharon Dorram-Krause, Haarstylistin im New Yorker Salon John Frieda, wo eine Haarfärbe-Behandlung bis zu 400 Dollar kostet. Doch kaum ist der Geschmack am dunklen Haar auch aufs einfachere Volk übergesprungen, wechseln einige Stars wieder von braun auf blond, darunter auch die Schauspielerin Renée Zellweger. Die Experten aus der Schönheitsbranche sagen, dass die Haarfarbe inzwischen zu einem ganz normalen Modetrend geworden ist, der schwer vorauszusagen ist.

Auch die Industrie hat ihren Anteil an der brünetten Welle. Die Haarpflege-Branche sah sehr genau hin, welche Schattierungen die Stylisten in London und Beverly Hills für die exklusive Kundschaft gemixt haben. Die neuen Farbtöne werden jetzt für den Massenmarkt hergestellt. Damit die einst faden Farben ansprechender klingen, gaben ihnen die Marketingexperten zudem noch so appetitliche Namen wie Cappuccino, Espresso oder Kakao.

Für einige Frauen steht der Wechsel zu Braun für eine Rückkehr zur schlichteren Frisur und zum einfacheren Leben. Die häufigen Nachfärbungen am Haaransatz machen die blonde Erfahrung teuer und zeitaufwändig. Eliane Hartman aus Hamburg beschloss nach der Geburt ihrer zweiten Tochter, dass die Farbenspiele vorbei sind. „Ich war die meiste Zeit meiner Jugend blond gefärbt“, sagt die 38-jährige Architektin, die jetzt dunkelbraune Haare hat. „Wenn man Kinder hat, fehlt einem die Zeit, alle sechs Wochen die Haare zu färben.“

Doch nicht jeder trennt sich so leicht vom blonden Schopf. „Die Leute glauben, du bist intelligenter, wenn du braune Haare hast“, sagt Jeanne Brink. Die 25-Jährige aus Kapstadt hat vor kurzem den Wechsel von Aschblond zu Moccabraun vollzogen. „Aber als Blondine bekomme ich mehr Aufmerksamkeit von den Männern“, klagt sie. Spätestens im nächsten Sommer ist sie wieder blond.

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