Wirtschaft : Die Ehrenbürgerwürde läßt auf sich warten

MARTINA OHM

Edzard Reuter wird 70 Jahre / Rückzug aus den verbliebenen aktiven Ämtern angekündigtVON MARTINA OHM"Ich fühle mich in Berlin sehr wohl, bin hier ständig präsent, und mehr brauche ich nicht," antwortete der gebürtige Berliner Edzard Reuter unlängst im Gespräch auf die Frage, warum er ausgerechnet in der Stadt, zu der er sich doch mental, menschlich wie politisch, mit Abstand am stärksten hingezogen fühlt, nicht auch ein festes Domizil habe.Es mag nebensächlich sein, daß er - sooft er auch an der Spree ist - stets in ausgesuchten Hotels Quartier macht und nicht in die eigenen vier Wände, nach Hause, kommt.Doch genau das gibt ihm Berlin nicht.Zu Hause ist er nicht in Berlin, von wo aus sein Vater, Ernst Reuter, einst als Regierender Bürgermeister die Völker dieser Welt beschwor, sondern in Stuttgart - dort, wo seine Freunde sind. Das Verhältnis des ehemaligen Daimler-Chefs zur Haupstadt, für die er wiederholt gerne auch politische Verantwortung hätte übernehmen wollen, bleibt ambivalent - übrigens auf beiden Seiten.Zu mancherlei verpaßten Chancen kommt jetzt eine hinzu: Wäre es kein guter Anlaß gewesen, dem Mann, der sich in so vieler Hinsicht um Berlin bemüht hat, zu seinem Jubiläum, zu seinem heutigen 70.Geburtstag, die bereits versprochene Berliner Ehrenbürgerwürde zu verleihen? Ganz persönlich hat sich Reuter zum Ziel gesetzt, sich aus seinen verbliebenen aktiven Ämtern mit Ablauf des 70.Lebensjahres zurückzuziehen.Man wird sehen.Bereits fest steht, daß er den Stab als Airbus-Aufsichtsratsvorsitzender an Dasa-Chef Manfred Bischoff weiterreichen wird.Aber auch bei der Bankgesellschaft Berlin hat Edzard Reuter als Aufsichtsratsvorsitzender noch ein gewichtiges Wort mit zu reden.Die Vielzahl ehrenamtlicher Tätigkeiten wird er freilich weiterhin ausüben. Einen sehr menschlichen Rückblick, seine Lebenserinnerungen, schrieb Edzard Reuter gerade in seinem Buch "Schein und Wirklichkeit" nieder.Das brachte den jahrelang als einflußreichsten und interessantesten Unternehmer Deutschlands gefeierten Manager erneut in die Schlagzeilen.Sein teilweise schonungsloser Umgang mit seinen Mitstreitern aus drei Jahrzehnten im Dienste von Daimler-Benz rief großes Unverständnis hervor (Vgl.Tsp.vom 1.Februar) und bescherte ihm den Vorwurf mangelhafter Selbstkritik. Der gelernte Jurist Reuter, schon in jungen Jahren Mitglied der SPD, kam 1964 zu Daimler, wo er sich beharrlich an die Spitze arbeitete.1973 wurde er Mitglied des Vorstandes, 1976 ordentlicher Vorstand und 1987 Vorstandsvorsitzender - mit dem Ziel, einen integrierten Technologiekonzern zu schaffen.Dornier, MBB, Fokker und AEG ergänzten bald das Angebot.1995 löste Jürgen Schrempp, der damalige Chef der Daimler-Tochter Daimler-Benz Aerospace, Reuter ab.Der Konzern wies Milliardenverluste aus.Reuter wechselte in den Aufsichstrat, dessen Vorsitz der Deutschen Bank vorbehalten beiben sollte.Im Februar 1996 zog sich Reuter auch hier zurück.

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