Wirtschaft : Die eigene Kundschaft im Visier

Marcus Creutz

In der Versicherungsbranche rumort es kräftig. Neben rückläufigen Prämieneinzahlungen wegen des stärker werdenden europäischen Wettbewerbs verhagelte der 11. September 2001 viele Bilanzen. Um diese Löcher wieder zu stopfen, rücken die Versicherten selbst stärker als zuvor ins Blickfeld. Es geht um Versicherungsbetrügereien. Nach Expertenschätzungen zahlen die Assekuranzen mittlerweile jeden zehnten Euro an Betrüger.

Der Einfallsreichtum privater und organisierter Kriminalität ist nahezu grenzenlos: Die einen täuschen Verkehrsunfälle vor, die anderen machen falsche Angaben zur Schadenshöhe. Bei der Teilkaskoversicherung etwa besteht Versicherungsschutz für Brand oder Diebstahl, nicht jedoch für den selbst verschuldeten Unfall. Also werden Autos angezündet oder als gestohlen gemeldet. Über die Hälfte aller Betrügereien basieren auf dieser "Umdefinition von Vorfällen."

Als kürzlich in Köln eine "Einbruchsagentur" aufflog, waren am Ende 32 Beteiligte in 200 Straftaten verstrickt. Und das funktionierte so: Ein 32-Jähriger brach auf Bestellung in fremde Wohnungen ein. Die geklauten Gegenstände meldeten die angeblichen Opfer der Versicherung. Ein Fünftel der ausgezahlten Versicherungssumme von bis zu 50 000 Euro kassierte der Einbrecher. Aufgedeckt hat diesen Coup nicht etwa die Polizei, sondern eine eigene Ermittlung der betroffenen Versicherung. "Die Versicherungsbetrüger werden immer dreister, so dass natürlich entsprechende Gegenmaßnahmen der Versicherer greifen. Die meisten Versicherer unterhalten eine eigene Betrugsabteilung, die diesen Dingen nachgeht", erläutert Rechtsanwalt Hubert van Bühren, Vorsitzender des Ausschusses Versicherungsrecht im Deutschen Anwalt Verein.

Belege werden häufiger geprüft

Bisher standen die Chancen recht gut, bei einem Versicherungsbetrug nicht erwischt zu werden. Denn die Kriminalstatistik wies während der letzten Jahre nie mehr als 8 300 Betrugsfälle aus. Nach Expertenschätzungen liegt die Dunkelziffer allerdings bei bis zu 200 000 Fällen jährlich. Doch das soll sich ändern. Die von den Versicherungen eingesetzten Ermittlerteams prüfen jetzt zum Beispiel immer häufiger die eingereichten Belege, mit deren Hilfe der Versicherungsnehmer seinen Schaden nachzuweisen versucht. "Es werden oft fingierte Belege beigebracht. Ich erinnere mich an einen Fall, da hatte jemand wertvolles Reisegepäck als gestohlen gemeldet, unter anderem einen Quittungsbeleg über ein Paar Herrenschuhe, die über 500 Mark gekostet haben. Der Ermittler der Versicherung fragte nach und stellte fest, dass dieses Geschäft, das die Quittung ausgestellt hatte, seit Jahren nur noch Damenschuhe führte."

Anwalt van Bühren hält auch die Geschäftsinhaber für verantwortlich, die leicht geneigt seien, solche Betrügereien teils bewusst, teils unbewusst zu unterstützen, indem sie Gefälligkeitsbelege ausstellen. Doch diese Ersatz-Belege sind oft fehlerhaft. "Ich erinnere mich an einen Fall, da hatte jemand drei Belege für Käufe beigebracht, die in den letzten zwei Jahren stattgefunden haben sollen. Aber alle drei Belege waren nummeriert, so dass man sofort sehen konnte, die waren alle am selben Tag ausgestellt."

Besonders betroffen ist die Reisegepäckversicherung - das ist die betrugsanfälligste Sparte überhaupt. Man behauptet einfach, im Ausland sei das Reisegepäck entwendet worden. Und in vielen Fällen stellt sich später bei der Nachprüfung heraus, dass die Reise gar nicht angetreten worden war oder dieses Gepäck gar nicht existierte. "Wenn etwas abhanden kommt, sind es meistens sehr hochwertige Designermoden, die ansonsten weder zum Beruf noch zum Vermögensstatus dieser Leute passen", sagt van Bühren. Die Bandbreite an Betrügereien sei schier grenzenlos - sicherlich ein Grund dafür, dass die Versicherer vor der Schadensabwicklung Belege sehen wollen.

Alle zahlen drauf

Bei Betrügereien gegenüber Versicherungen oder Finanzämtern sprechen Psychologen gern von einer "Sozialisierung" des Schadens. Geschädigt wird ja "nur" die Allgemeinheit und das ist nicht so schlimm - denken zumindest viele. Das fehlende Unrechtsbewusstsein Einzelner geht aber auf Kosten der Gemeinschaft der Versicherten: Die Gesellschaft für Konsumforschung schätzt den Schaden durch Versicherungsbetrug auf vier Milliarden Euro jährlich - Geld, das die Versicherungen wieder bei ihren redlichen Kunden abholen: durch höhere Versicherungsgebühren. In der privaten Haftpflichtversicherung etwa rechnen Fachleute vor, dass die Beiträge der Versicherten monatlich 30 bis 40 Prozent günstiger sein könnten, wenn die Assekuranzen nicht betrogen würden.

Die Betrügereien gehen sogar so weit, dass sich Versicherungsnehmer selbst verstümmeln, um berufsunfähig zu werden und die Berufsunfähigkeitsversicherung in Anspruch nehmen zu können. "Ich erinnere mich an einen Arzt, der behauptete, er habe beim Basteln im Keller die Hand über einer Kreissäge gehabt und dabei sei das Surfbrett von der Decke herunter gefallen und habe die Hand dann in die Kreissäge gepresst, so dass ein oder zwei Finger angesägt wurden. Die medizinischen Gutachten stellten fest, dass diese Finger sach- und fachkundig amputiert worden waren", berichtet der Kölner Versicherungsanwalt van Bühren. Auch bei Bauarbeitern oder Musikern seien solche Fälle aufgetreten. Die Unzufriedenheit mit dem Beruf oder manchmal auch die Gier lasse Menschen zu solchen Verzweiflungstaten schreiten.

Immer öfter Strafanzeigen

Wird der Betrug aufgedeckt, kündigen die Versicherer den Vertrag fristlos. Die wenigsten Versicherer erstatteten aber bisher Strafanzeige. Im Jahr 2000 etwa kam es nur zu 142 Verurteilungen wegen Versicherungsbetrugs. Das liegt auch daran, dass man die Kunden nicht zu sehr verärgern will. Schließlich sind das potenzielle Kunden von morgen. "Ich meine, jeder Betrüger sollte nicht nur kein Geld bekommen, sondern er sollte auch bestraft werden, damit diese Betrügereien ein Ende finden" sagt van Bühren und beschreibt damit die zunehmende Tendenz in der Versicherungsbranche, erkannte Betrugsfälle auch anzuzeigen. Letztlich arbeiteten Versicherungen, die weniger Betrüger zu ihren Kunden zählen, profitabler und preiswerter - ganz im Sinne der Verbraucher.

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