Wirtschaft : Die EZB sollte den Versuch wagen

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Von Henrik Mortsiefer

Die Anleger suchen an der Börse verzweifelt Halt. Angesichts des Kursrutsches richten sich ihre Hoffnungen auf Wim Duisenberg, den Chef der Europäischen Zentralbank. Der Währungshüter möge endlich einsehen, dass der Aufschwung nicht kommt, und die Zinsen senken, lautet der Appell. Das Geld würde billiger, Investitionen leichter, und, so hofft man, am Ende sähe es auch für die Konjunktur – und die Börse – wieder besser aus. Die Desillusionierung ist allerdings inzwischen so groß, dass zwar alle mit einem baldigen Zinsschritt der EZB rechnen, aber niemand sich einen Befreiungsschlag verspricht. Analysten fragen ratlos: Was hilft es, wenn das geldpolitische Signal bei den Marktteilnehmern nicht mehr ankommt?

Einen Versuch sollte es der EZB trotzdem Wert sein. Denn sie hätte gute Argumente für niedrigere Zinsen. Die Sorge vor einem Krieg am Golf, die Kursverluste und Gewinnwarnungen haben das ohnehin trübe Konjunkturbild in Europa noch verdunkelt. Außerdem hat die US-Notenbank bei historisch niedrigen Zinsen in den USA ihr Pulver fast verschossen. Und: Die Gefahr einer Bankenkrise als Folge des Crashs und der vielen Pleiten ist im Euroraum nicht länger zu leugnen. Noch sprechen Experten nur von einem „Stress-Test“ für die Geldhäuser. Doch die Lage könnte sich schnell zuspitzen. Die EZB könnte mit niedrigeren Zinsen vor allem die Geldinstitute entlasten, die sich dann leichter refinanzieren und Schieflagen vermeiden könnten. Möglich also, dass das Zinssignal an den Börsen zunächst verhallt. Auf dem Umweg über die Kreditabteilungen und Bilanzen der Banken käme die Botschaft aber früher oder später am Kapitalmarkt an. Besser spät als gar nicht.

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