Wirtschaft : Die fair gehandelte Mehlmotte ist Vergangenheit

Die kirchliche Handelsorganisation Gepa wird immer professioneller – und erlebt mit ihren Dritte-Welt-Läden trotz der Krise im Einzelhandel einen kleinen Boom

Martin Uebele

Berlin. Der deutsche Einzelhandel steckt in der tiefsten Krise seit Jahrzehnten. Der gesamte deutsche Einzelhandel? Nein. Ein kleines Unternehmen im Schatten der deutschen Kirchtürme trotzt dem Trend: Das Handelshaus Gepa, das getrocknete Mangoscheiben, ökologischen Tee, fair geerntete Kaffeebohnen und Holzspielzeug verkauft, freut sich über einen neuen Umsatzrekord. Plus sieben Prozent, davon können andere Einzelhändler nur träumen.

Fair gehandelt wird in Deutschland erst seit den siebziger Jahren. Gepa wurde von den Hilfsorganisationen Misereor, dem evangelischen Entwicklungsdienst, der evangelischen und katholischen Jugend gegründet. Die Idee ist, dass die Hersteller von Naturprodukten in der Dritten Welt einen fairen Anteil an der Verkaufsspanne in den Industrieländern bekommen sollen. Anfangs stand fair allerdings auch für ziemlich unprofessionell: Die Kunden taten beim Kauf Gutes – ob der Tee trinkbar war oder die Mehlmotte zur Hirse dazu gehörte, spielte dabei nicht die wichtigste Rolle. Das hat sich geändert – Gepa ist inzwischen ein Großunternehmen mit immerhin 35,7 Millionen Euro Umsatz.

Wie viel Gewinn der Einzelhändler macht, weiß er allerdings so genau noch nicht. Denn die 6000 Shops werden zum größten Teil von immerhin 100000 Freizeit-Einzelhändlern ehrenamtlich in Pfarrhäusern, Gemeindezentren und Studentenwohnheimen betrieben. Und bei Kaiser’s und beim Otto-Versand, die die fair gehandelten Produkte auch verkaufen, liegen die Fair-Produkte zu Sonderkonditionen im Regal. Vertriebskosten entstehen kaum.

Ein bisschen stolz sagt Gepa-Geschäftsführer Thomas Speck, dass es dem Unternehmen gelungen sei, sich im „Handelssegment ethisch hochwertiger Dritte-Welt-Güter“ zu behaupten. Nicht nur die Ethik, auch die Produkte stimmten heute, sagte der Geschäftsmann. „Wir freuen uns, dass wir uns erfolgreich gegen den Trend zu immer billigerem Einkaufen behaupten konnten“, sagt Speck.

Der Erfolg „fair“ gehandelter Produkte ist damit nicht eindeutig zu erklären. Zwar beteuert Speck, Gepa habe in den vergangenen zehn Jahren konsequent die Strategie verfolgt, seine Tees, Kaffees und anderen Güter als Premium-Produkte zu vermarkten. „Die Leute kaufen den fair gehandelten Kaffee jetzt, weil er ihnen am besten schmeckt“, sagt Speck. Politisch korrektes Einkaufen dagegen spiele als alleiniges Motiv nicht mehr die Rolle wie am Anfang. Damals musste man schon ziemlich abgehärtet sein, um die scharfen Röstungen des Gepa-Kaffees zu vertragen. Inzwischen bestätigen auch die Verbraucherschützer und die Stiftung Warentest, dass die fairen Produkte gut schmecken und in der Regel auch ökologisch korrekt angebaut worden sind.

„Das Potenzial für fair gehandelte Produkte ist in Deutschland noch sehr groß“, sagt Speck, der auf Expansionskurs gehen will. In den Niederlanden habe fair gehandelter Kaffee einen Marktanteil von knapp drei Prozent, während hier zu Lande weniger als ein Prozent aus fairem Handel komme. Erstmals machten die Fair-Händler in diesem Jahr auch Umsätze im rheinischen Karneval. Unter dem Motto „Jecke Fairsuchung“ brachte die nordrhein-westfälische Landesregierung getrocknetes Obst, Nüsse und faire Schokoladenriegel unters Volk.

Das Modell ethisch vernünftig produzierter Waren macht auch in der Welt des allgemeinen Konsums Schule. Am kommenden Freitag wird die Stiftung Warentest zum ersten Mal einen Turnschuhtest veröffentlichen, bei dem die Frage, wo und wie die Schuhe hergestellt wurden, eine entscheidende Rolle spielt.

Auf dem Kirchentag ist Gepa auf dem Messegelände, Halle 3.2 zu finden.

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