Wirtschaft : Die Fehler des IWF

Was löste die Asien-Krise aus? Das ist die große Frage, zumindest sollte sie es sein, wenn die wirtschaftlichen Entscheidungsträger der ganzen Welt zum Frühjahrstreffen von IWF und Weltbank sowie der G-7-Staaten zusammenkommen.Die Art wie die Weltwirtschaft in Zukunft gemanaged wird, hängt mit Sicherheit davon ab, wie die Frage beantwortet wird, was zu dem schnellen Zusammenbruch des asiatischen Wunders geführt hat. Während sich der IWF um weitere 18 Mrd.Dollar von den USA für insgesamt 285 Mrd.Dollar zur Behebung der Krise bemühte, wunderten sich die Verantwortlichen über Monate, was deren Gründe sein könnten.In einer Rede im vergangenen November fragte sich IWF-Direktor Michel Camdessus, warum etwas, das als lokales Problem in Thailand begonnen hatte, als Krise nach Malaysia, Indonesien und Südkorea überschwappen könne.Schließlich waren das Volkswirtschaften, die mit bemerkenswertem Tempo wuchsen, bis die "Ansteckung" ihre Währungen im freien Fall nach unten stieß.Camdessus bemerkte, daß der Fall der Währungen in Fernost sich beinahe selbst immer aufs neue bedingte, und fragte: "Wie konnte das passieren?" Wir schlagen vor, daß Camdessus den Spiegel an der Wand betrachtet.Der IWF hat die Krise losgetreten, indem er Thailand zwang, die Währung abzuwerten.Dann hat er die Ausbreitung gefördert, indem er von den anderen Staaten das gleiche verlangte.Jetzt wollen Camdessus und der amerikanische Finanzminister Robin Rubin neue Milliarden, um mit dem Wrack fertig zu werden. Erinnern wir uns an die Ereignisse, die Asien ins Wanken brachten.In den ersten Monaten des vergangenen Jahres kam Thailand in Schwierigkeiten, es nahm Dollarkredite für Projekte im Inland auf, die sich nicht auszahlten.Sicher hat das einen Abwärtsdruck auf den Baht ausgeübt, der lose an den Dollar gebunden war.Die Thailänder hatten allerdings die Wahl.Sie konnten die Geldmenge reduzieren, um den Wechselkurs stabil zu halten.Das hätte aber eine Abrechnung mit den Finanzinstituten, die in Schwierigkeiten stecken, erfordert.Oder sie hätten versuchen können, das Problem mit einer Abwertung zu überdecken. Der IWF begann Bangkok zu drängen, den Baht abzuwerten.In einem Interview im vergangenen Dezember erinnerte sich Camdessus: "Ich habe Thailand im Zeitraum von Juli 1996 bis Juli 1997 viermal besucht, nur um zu sagen: Ihr richtet ein großes Durcheinander an.Ihr müßt Euch von der gefährlichen Verknüpfung mit dem Dollar trennen." Am 2.Juli hat Thailand den Baht dann gelöst - der unverzüglich zu fallen begann.An dem Tag bejubelte der IWF Thailands "kontrollierte Ablösung vom Dollar" mit den Worten: "Der IWF begrüßt die wichtigen Schritte, die heute unternommen wurden und darauf abzielen, mit Thailands aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten fertig zu werden und eine umfassende Strategie zu finden, die makroökonomische Anpassungsmechanismen und finanzielle Stabilität gewährleistet." Was folgte, war alles andere als stabil.Um sich mit Thailand zu messen, wertete Malaysia den Ringgit ab.Indonesien tat - unter dem Druck des IWF - dasselbe.Den Vorschriften des IWF folgend, werteten auch die Philippinen ihre Währung ab.Süd-Korea ließ den Won ebenfalls absacken.Im späten Oktober war das, was als ein Stabilitätsprogramm begonnen hatte, zum Wettkampf der Abwertung geworden.Taiwan war auch noch dazugekommen und hatte, ohne daß es nötig gewesen wäre, den Taiwan-Dollar abgewertet.Spekulanten attakierten in der Folgezeit den Hongkong- und den Singapur-Dollar.Brasilien, Stütze des südamerikanischen Handels, mußte ebenfalls um den Real kämpfen.Die Welt sah sich für kurze Zeit der Möglichkeit einer globalen Währungskrise gegenübergestellt. Glücklicherweise haben einige der am meisten bedrohten Volkswirtschaften dem Druck standgehalten.Sie ließen die Zinsen zu enormen Höhen steigen, um Spekulanten davon zu überzeugen, daß es sich nicht lohnte, gegen ihre Währung zu spekulieren.Hongkong und Singapur verteidigten ihre Dollar.Brasilien hielt den Real.Die Bedrohung eines weltweiten Währungszusammenbruchs ebbte ab. Die Verantwortlichen beim IWF und ihre Befürworter im US-Finanzministerium hielten dagegen, daß die Länder, die von der Abwertung so stark in Mitleidenschaft gezogen wurden, andere Probleme hätten.Sie benötigten nun die Hilfe des IWF, um sie zu lösen.Asien war demzufolge ein Meer von schlechtem Bankgebahren, verantwortungsloser Kreditaufnahme, schlechter Führung, Korruption und spekulativen Attacken von George Soros.In alldem steckt ein Körnchen Wahrheit, aber nichts davon war wirklich neu, und nichts davon war der Grund der plötzlichen Häufung von zerstörten Wirtschaften in Asien. Korruption und die Vetternwirtschaft der Präsidentenfamilie in Indonesien beispielsweise sind ernste Probleme, aber sie waren seit Jahrzehnten ein zugegeben unschöner Teil der wirtschaftlichen Landschaft.Die Märkte wußten seit Jahren davon.Die drängende Frage ist, warum Indonesiens Währung sozusagen über Nacht mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren hat. Die Krise in Asien war in erster Linie eine Währungskrise, kein Explodieren der grundlegenden wirtschaftlichen Faktoren.Die Abwertung erschwerte es, die Auslandsschulden in Dollar zu tilgen.Das veranlaßte die Geldgeber, sich so schnell wie möglich zurückzuziehen in der Angst, der letzte würde mit den unbezahlten Schulden sitzen bleiben.Der überstürzte Rückzug bedingte eine Serie von wirklichen Verschiebungen und Ungleichgewichten, die den Wert von Unternehmungen verminderten, die sonst vielleicht profitabel gewesen wären. Der ehemalige Kandidat für das Amt des US-Vizepräsidenten schrieb in der vergangenen Woche: "So wie es aussieht, war es der IWF, der Südostasien über die Klippe gestoßen hat." Er fügte hinzu: "Die Erfahrungen aus der Mexiko-Krise sollten uns gelehrt haben, daß Währungen nicht floaten, wenn sie unter Druck geraten.In Mexiko hatte der IWF eine 10prozentige Abwertung erwartet.Was passierte, war ein 50prozentiger freier Fall des Peso." Für den IWF scheint das immer noch ein Rätsel zu sein, das eine Menge Studien und eine Menge Geld erfordert.Zumindest solange, bis sich das ganze wiederholt.Irgendwie scheinen die Experten des IWF einfach nicht in der Lage zu sein, zu verstehen, warum ihre sorgsam ausgearbeiteten Formeln für die Abwertung nicht so funktionieren, wie geplant. Solange der IWF um die Zentralbanken auf diesem Planeten herumschleicht und auf Währungsabwertung drängt, wird es genug selbstgemachte Probleme geben, mit denen sich der IWF beschäftigen kann.Es gibt gute Gründe, warum die Weltmärkte einen Kreditgeber für akute Notfälle brauchen - das ist allerdings eine der wenigen Rollen, die die Offiziellen des IWF nicht spielen möchten.Aber noch mehr Geld in den heutigen IWF zu stecken, wird mit großer Wahrscheinlichkeit keine Krise lösen.Es wird höchstens neue erzeugen.

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