Wirtschaft : Die Filmwirtschaft bangt um ihre Geldquellen

Rot-Grün und die Union wollen Steuervorteile für Geschlossene Filmfonds streichen – die Branche fordert eine Alternative

Henrik Mortsiefer

Berlin - Die deutsche Filmbranche wähnt sich angesichts der gelanten Neuwahlen auf einem Horrortrip. Denn unabhängig davon, wie die möglichen Bundestagswahlen im September ausgehen – für die Filmfinanzierung könnte es in Deutschland bald düster aussehen. Sowohl SPD als auch Union wollen eine Geldquelle der Film- und TV-Produktion austrocknen: Geschlossene Fonds.

In die Steuersparmodelle flossen im vergangenen Jahr 1,5 Milliarden Euro. Zum Ärger des Finanzministers, denn mit den Fonds wurden dem Fiskus etliche Steuer-Millionen vorenthalten. Hans Eichel kündigte deshalb schon im Frühjahr an, Abschreibungsmodellen wie Film-, Windkraft- oder Immobilienfonds an den Kragen zu wollen. Angela Merkel zog in ihrem Wahlprogramm mit ähnlichen Plänen nach. Noch schärfere Töne schlug kürzlich Erwin Huber, Chef der Bayerischen Staatskanzlei, an: Die Filmwirtschaft solle sich von Hoffnungen auf steuerliche Ausnahmen bei der Finanzierung deutscher Produktionen verabschieden.

„Deutschland ist dabei, sich von den Impulsgebern und erfolgreichen Geschäftsmodellen der Filmindustrie fast überall in Europa abzukoppeln“, warnt dagegen Georgia Tornow, Generalsekretärin von Film20, der Interessenvereinigung führender deutscher Film- und Fernsehproduzenten. Werde keine Alternative für die steuervergünstigten Filmfonds gefunden, werde die Branche von privatem Kapital abgeschnitten, das sie neben der öffentlichen Förderung aber dringend brauche.

Bislang rechnete es sich für Fondszeichner nur, Filme zu finanzieren, weil sie die Anlaufverluste von 100 Prozent und mehr von ihren anderen Einkunftsarten abziehen durften. So sparten sie Steuern. Dieses Steuerschlupfloch wollen Eichel und Merkel nun schließen.

„Ein Finanzminister, der erst die öffentlichen Haushalte sanieren will und dann irgendwann um 2008 wieder an die Wachstumsfinanzierung der Filmwirtschaft denkt, macht einen Fehler“, sagt Tornow. Die Impulse für eine Branche, die 38000 Menschen direkt und 150000 projektweise beschäftige, müssten jetzt gegeben werden, „wenn wir nicht wollen, dass deutsche Filmproduzenten ins filmfreundliche Ausland abwandern“.

Auch die Initiatoren der Filmfonds erwarten das drohende Aus der Steuersparmodelle mit Sorge – nicht nur um das eigene Geschäft. Fallen die Fonds ersatzlos weg, „muss die Hälfte der deutschen Filmproduzenten aufgeben“, glaubt Andreas Schmid, Chef des deutschen Marktführers VIP, der viele US-Produktionen mitfinanziert, aber auch an deutschen Kassenschlagern wie „7 Zwerge“ beteiligt war. „Der deutsche Film würde in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.“

Diese Drohkulisse wirkt allerdings übertrieben. Flossen doch seit 1998 schätzungsweise 80 Prozent des Fonds-Volumens von insgesamt mehr als 14 Milliarden Euro vor allem nach Hollywood – und nicht in deutsche Produktionen.

„Verdient haben an dieser Art der Filmfinanzierung vor allem die Fonds“, sagt der Produzent und Regisseur Nico Hofmann („Der Tunnel“). Müssten sich die Anbieter künftig vor allem auf den deutschen Markt konzentrieren, drohe ein Verdrängungswettbewerb. „Die Fondsbranche ist zu groß für den kleinen, deutschen Filmkuchen“, räumt auch David Groenewold ein, Geschäftsführer der Berliner GFP, die nur in deutsche Produktionen investiert („Das Wunder von Lengede“). Produzent Hofmann, der für seine Projekte noch kein Fondskapital in Anspruch genommen hat, sieht die Bedeutung der Fonds denn auch schwinden. Der Grund: „Das ist sehr teuer finanziertes Geld.“ Ganz ohne Steueranreize, so Hofmann, komme die Filmfinanzierung in Deutschland allerdings auch in Zukunft nicht aus.

Beispielhafte Modelle, die sich auch für Deutschland eignen könnten, findet die Film-Lobby in Irland oder Ungarn. Dort sei es gelungen, private Investoren in die Filmfinanzierung zu locken, ohne dass der Fiskus leer ausgehe oder der nationale Film zu kurz komme. Über einen deutschen Weg will die Filmindustrie bald nach der Wahl medienwirksam diskutieren. Anfang Juli gründeten Vertreter der Branche dazu die „Medieninitiative Deutschland“, die bislang öffentlich aber kaum wahrgenommen wurde.

Film20-Chefin Georgia Tornow gibt sich optimistisch: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Finanzpolitik ignorieren will, dass die Filmwirtschaft eine moderne, arbeitsintensive Wachstumsbranche ist“, sagt sie. Der Wirtschaftszweig sei kein Dauersubventionsempfänger: „Wir sind weder Steinkohle noch Stahlindustrie.“

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