Wirtschaft : Die Finanzkrise kann Asien nicht allein lösen

KARL KRÄNZLE

SINGAPUR ."Wer hat noch eine Antwort?" fragte die Wirtschaftszeitschrift "Far Eastern Economic Review" letzthin auf dem Titelblatt.Die Frage ist symptomatisch für die unter Meinungsführern herrschende Ratlosigkeit fünfzehn Monate nach Ausbruch der Asienkrise.Im Zeichen von Ratlosigkeit stand auch der jüngste Ostasiengipfel des "World Economic Forum" (WEF) in Singapur.In einem zur Eröffnung des Treffens verfaßten Thesenpapier stand das entwaffnende Bekenntnis: "Um es ganz offen zu sagen: Nicht mehr nur die Wirtschaft (der asiatischen Krisenländer) befindet sich in einem bedenklichen Zustand.Wir selber sind verwirrt und bestürzt, weil wir nicht recht wissen, was wir unternehmen sollen."

Die Ratlosigkeit kommt nicht von ungefähr.So oft nämlich die Experten in den letzten Monaten behauptet hatten, das Schlimmste sei ausgestanden, so oft sahen sie sich hinterher zur Revision ihrer Vorhersagen gezwungen.Der Zeitpunkt der Erholung wurde von ihnen in immer noch weitere Ferne verlegt.Doch auch auf dem Ostasiengipfel wurden zuversichtliche Töne laut: Der markante Abschwung könnte im ersten Halbjahr des kommenden Jahres die Talsohle erreichen, im zweiten Halbjahr werde es dann wieder aufwärts gehen, hieß es.

Warum die Währungsturbulenzen von Thailand auf die weitere ostasiatische Region übergriffen und sich schließlich zur globalen Krise ausweiteten, liegt für den Harvard-Ökonomen Jeffrey Sachs auf der Hand.Die ausländischen Banker und Fondsmanager waren in Panik geraten.Hauptursache der akuten Krise ist demnach der massive Abzug von Kapital aus dieser Region.Nachdem es nun kein weiteres Kapital mehr abzuziehen gibt und diese Länder - so Sachs - "entwässert und ausgetrocknet" sind, kann sich die Krise nicht noch weiter verschärfen.Also hat die Region "das Schlimmste" anscheinend hinter sich.

Die Schwäche dieser Argumentation liegt darin, daß die Frage unbeantwortet bleibt, was denn die Panik ausgelöst hatte.Über die irrationalen Exzesse an den ostasiatischen Immobilienmärkten, die kolossale Verschwendung knapper Ressourcen, die Fehlinvestitionen und massiven Überkapazitäten sowie die sich von Jahr zu Jahr verringernden Renditen spricht heute kein Mensch mehr.Gewiß haben die Kreditgeber und Investoren aus Europa, Nordamerika und Japan überreagiert, als sie in Panik die Flucht ergriffen.Sie sind jedoch nicht ohne jeglichen Grund geflohen.

Die betroffenen Länder - insbesondere Thailand, Indonesien, Südkorea, Malaysia und die Philippinen - haben nur noch begrenzt Kontrolle über ihr eigenes wirtschaftliches Schicksal.Wenn sich die Instabilität an den internationalen Finanzmärkten fortsetzt, dann wird der Heilungsprozeß dadurch auch in denjenigen Krisenstaaten wieder abgewürgt, die bei der Strukturreform Fortschritte machen.Nicht ohne Grund hat der Singapurer Gipfel des "World Economic Forum" mit so großem Nachdruck "signifikante Zinssenkungen" und eine expansive Fiskalpolitik in Europa, Nordamerika und Japan gefordert.

Der Heilungsprozeß wird vor allem durch den riesigen Kapitalbedarf in die Länge gezogen.Den ausländischen Kreditgebern, Investoren und Anlegern fehlen der Mut und das Vertrauen zu neuen Engagements.Zur Akquisition von angeblich spottbilligen Banken, Fabriken und Immobilien durch Ausländer ist es bisher nicht gekommen.Und was die Aufnahme von Kapital an den ausländischen Bondmärkten anbelangt, so sagt Thailands stellvertretender Ministerpräsident Supachai: "Wenn wir an den internationalen Kapitalmärkten Bonds emittieren, dann müssen wir heute gegenüber vergleichbaren US-Treasury Bonds einen Aufschlag von 70 Basispunkten zahlen." Das sei kein einfacher "penalty", sondern "capital punishment" (Todesstrafe).

Was unternommen werden müßte, damit die ostasiatische Krisenregion für ausländisches Kapital wieder attraktiver wird, liegt auf der Hand.Die Transparenz auf mikro- und makroökonomischer Ebene läßt zu wünschen übrig.Der Aktionär hat auf die in vielen Fällen als Familien-AG geführten Gesellschaften zu wenig Einfluß.Buchführung und Rechnungsprüfung müßten den internationalen Standards angepaßt werden.Auf Anleger abschreckend wirkt auch das "dual listing"; die für ausländische Investoren reservierten Aktien sind teurer als die Dividendenpapiere für die lokalen Anleger.Bei alldem darf man freilich nicht vergessen, daß ausländische Investoren noch vor anderthalb Jahren bereit waren, zu völlig überhöhten Preisen Aktien zu kaufen, nur weil die betreffenden Gesellschaften gute Beziehungen zur politischen Spitze hatten - zu einem Suharto und Mahathir sowie zur chinesischen KP im Fall der in Hongkong gehandelten "Red chips".

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