DIE FINANZKRISE UND IHRE FOLGEN : 2Die Firma hat uns im Stich gelassen“

Beschäftigte der US-Investmentbank Bear Stearns sind doppelt betroffen / Headhunter haben Zulauf

Matthias B. Krause


New York - Vor dem Hauptsitz der altehrwürdigen Investmentbank Bear Stearns an der Madison Avenue in Midtown Manhattan sieht es dieser Tage aus wie vor Paris Hiltons Anwesen in Hollywood. Fotografen, Kameramänner und Reporter drängeln sich um die besten Plätze für einen Blick in die Gesichter der geschockten Angestellten, ein Symbolbild für die Misere der Bank und der Wall Street überhaupt. Die meisten Leute, die herunterkommen für eine Zigarettenpause, wollen nichts sagen. Oder zumindest nicht mit ihrem Namen dafür einstehen. Die Firmenspitze hat um Diskretion gebeten, und die neuen Eigentümer von J.P. Morgan haben bereits ihre Angestellten geschickt, um ihren Kauf zum Schnäppchenpreis unter die Lupe zu nehmen.

Diejenigen, die doch sprechen, sind wütend auf die Firmenspitze. „Vor zwei Wochen haben sie noch verkündet, dass sie nicht mehr Kapital brauchen“, sagt einer, der seit mehr als 16 Jahren für die Bank arbeitet, „und jetzt verkaufen sie die Firma für ein Viertel dessen, was alleine dieses Gebäude wert ist“. Bear Stearns hatte in der Vergangenheit seine Angestellten besonders ermuntert, sich am Erfolg der Firma zu beteiligen und Anteile zu erwerben. Was die meisten auch taten. Mehr als 30 Prozent der Bank gehören ihnen – und nun bangen sie nicht nur um ihre Jobs, sondern auch um ihre Ersparnisse und ihre Altersversorgung. Zwei Kollegen, die in der Kreditabteilung arbeiten, sind schwer getroffen. 600 000 Dollar habe er verloren, sagt der Mann, und sie 400 000 Dollar, fügt seine Kollegin hinzu, den Tränen nahe.

Andere haben keine Angst davor, ihre Namen zu nennen. „Es ist erschütternd“, sagt Stephen Raphael, ein Broker, der 1974 zur Bank kam und inzwischen in Teilzeitrente ist. „Ich habe viele gute Freunde hier“, sagt er, „von den Sekretärinnen und Assistenten bis zu den Chefs. Schuld ist das System, die Gier. Die Wall Street lebt von der Gier, das hier kann jeder Firma passieren.“ Die „New York Times“ berichtet, die Bank habe ihren Angestellten psychologisch geschultes Fachpersonal zur Verfügung gestellt. Seelsorger wie bei einem Trauerfall. „In deiner Welt ist jegliche Stabilität verloren gegangen“, beschreibt Ari Kiev, ein auf die Beratung von Wall-Street-Bossen spezialisierter Psychiater, der Zeitung gegenüber die Situation. „Du bist wütend auf die Firma, die dich im Stich gelassen hat. Kannst du dein Haus noch bezahlen, musst du dein zweites Auto verkaufen?“

Nicht alle fühlen sich in diesen Wochen an der Wall Street allerdings als Verlierer. J.P. Morgan habe mit der Übernahme von Bear Stearns, für deren Risiken zudem die Federal Reserve Bank einsteht, ein wirkliches Schnäppchen gemacht, sind sich alle einig. Wie das „Wall Street Journal“ berichtet, sahen sich die J.P. Morgan-Bosse gezwungen, ihre Angestellten daran zu erinnern, sich nicht über das Unglück ihrer Bear-Stearns-Kollegen lustig zu machen: „Während wir mit der wichtigen Arbeit anfangen, die beiden Firmen zu verschmelzen, vertrauen wir darauf, dass ihr eure neuen Partner bei Bear Stearns erstklassig behandelt.“ Was viele aus der gescheiterten Bank nicht davon abhielt, sogleich Headhunting-Firmen anzurufen und ihre Dienste anzubieten. Eine der renommiertesten von ihnen verzeichnete an einem einzigen Tag 100 solcher Anfragen.

Derweil lässt die Achterbahnfahrt an der Wall Street wenig Zeit für Schadenfreude. Die erneute Zinssenkung der Federal Reserve und verhältnismäßig gute Quartalszahlen der Investmentbanken Lehman Brothers und Goldman Sachs hatten den Dow Jones am Dienstag um 3,5 Prozent nach oben schnellen lassen. Das war der größte Tagesgewinn in den vergangenen fünf Jahren. Prompt sehen die Ersten einen Silberstreifen am Horizont. Andere fürchten, die Liquiditätskrise, die Bear Stearns in den Abgrund trieb, sei noch nicht ausgestanden. Jedenfalls werden die Schockwellen, die der Zusammenbruch von Bear Stearns durch die Wall Street schickte, nicht so schnell verebben. 160 Dollar waren die Aktien der Bank noch vor einem Jahr wert, 87 Dollar vor drei Wochen, am Dienstag schlossen die Aktien zu einem Kurs von 4,81 Dollar. Einer der größten Aktionäre der Bank, der britische Milliardär Joseph Lewis, kündigte bereits an, dass er sich gegen den Verkauf zum Sonderpreis, der für ihn einen Verlust von 800 Millionen Dollar bedeutete, mithilfe der Justiz stemmen werde. Vermutlich mit wenig Aussicht auf Erfolg.

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