Wirtschaft : Die Finanzmärkte sind unberechenbar

DIETRICH ZWÄTZ (Hb)

USA fordern mehr Wachsamkeit gegenüber Risikosignalen / Heftige Vorwürfe an die PolitikVON DIETRICH ZWÄTZ (Hb)Die Wortwahl ist schon verdächtig synchron.Vor einem Monat forderte US-Finanzminister Robert Rubin in einer vielbeachteten Rede eine "Modernisierung der Architektur der internationalen Finanzmärkte".Jetzt legte Notenbankchef Alan Greenspan nach: Die "Architektur des internationalen Finanzsystems" müsse modernisiert werden, wenn es Krisen wie die in Asien vermeiden und überwinden solle."Was als Architektur des internationalen Finanzsystems betrachtet wird, muß eingehend überprüft und verändert werden, um den Bedürfnissen der neuen globalen Umwelt zu entsprechen", merkte der Chef der Zentralbank anläßlich der Jahreskonferenz der Federal Reserve Bank of Atlanta an.Bemerkenswerterweise vermied Greenspan jede Anspielung auf den Internationalen Währungsfonds (IWF).Der Währungsfonds soll nach seiner Meinung nicht nur eine Finanzierungsquelle für Krisenländer bleiben, wenn alle anderen Ressourcen versiegen, sondern auch dabei helfen, fiskalpolitische Disziplin durchzusetzen.Selbst wenn es keine Absprache zwischen Rubin und Greenspan gab: Die Forderung nach einer Revision der Marktstruktur entspringt dem pauschalen Gefühl der amerikanischen Finanzpolitiker, daß ein seit über fünfzig Jahren bestehendes System den Anforderungen des 21.Jahrhunderts möglicherweise nicht mehr gewachsen sein könnte.Es resultiert aus der ganz konkreten Einsicht, daß dieses System in Südostasien versagt hat.Dabei geht es nicht nur um Mängel in den einzelnen Ländern, wie etwa die Verschleierung der Schieflagen von Finanzinstituten in Thailand oder ein zu langes Festhalten an irreal gewordenen Währungsrelationen etwa zwischen dem koreanischen Won und dem amerikanischen Dollar.Vielmehr haben sich auch in amerikanischen Köpfen Gedanken wie die des malaysischen Ministerpräsidenten Mahatir Mohamad eingenistet, daß Währungen nicht zum Spielball einer exzessiven Spekulation werden dürfen.Zwar sind Rubin wie Greenspan selbstverständlich weit entfernt von Mahatirs Forderung, den Märkten und speziell dem Devisenhandel administrative Beschränkungen aufzuerlegen.Beide sind zu sehr im marktwirtschaftlichen Geist groß geworden, als daß sie solche Fesseln verlangen oder auch nur billigen würden.Aber die "Architektur" der Finanzmärkte, so schemenhaft und vage dieser Begriff auch noch ist, bedarf nach ihrer Meinung einer Modernisierung."Die Mechanismen jener Instrumente und Institutionen, mit denen wir auf Krisen antworten", meint Greenspan, "müssen fortwährend verbessert werden."Auch wenn die mexikanische Krise von 1994/95 und die gegenwärtigen asiatischen Turbulenzen ein besseres Verständnis für die Dynamik an den internationalen Märkten gebracht haben, bleibe doch vieles noch im Dunkeln und unverständlich: etwa, wie das Vertrauen in eine Region schnell und ohne Vorwarnung verfallen kann wie jüngst in Südostasien.Der Fed-Chef hält es nicht für ausgeschlossen, daß die Märkte nach einer ähnlichen Logik handeln wie römische Priester, die nach der Lage der Eingeweide eines Opfertieres die Laune der Götter erkundeten.Der Daumen im Wind ersetzt dann die kühle Ratio.Existenznotwendig für das Funktionieren jeden Marktes ist das Vertrauen.Bei Thailand, Indonesien und Korea hat aber nach Greenspan Unsicherheit geherrscht.In unserer so aufgeklärten, realistischen Welt hätten Emotionen in den Krisen eine wichtige Rolle gespielt, besonders bei den dramatischen Abwertungen der asiatischen Währungen."Die scharfen Wechselkursänderungen scheinen nicht auf nüchternen Überlegungen zu basieren", schlußfolgert Greenspan, "noch sind sie rational zu begründen." Gleichwohl gibt es nach Greenspans Einschätzung stets Symptome, die auf eine nahende Krise hindeuten: wenn in hohem Umfang risikominimierende Instrumente, die aber mitunter das Risiko noch erhöhen, eingesetzt werden; wenn Banken stark unterkapitalisiert sind; wenn sie "laxe" Kreditvergabestandards haben oder unzureichend beaufsichtigt werden.Dann wird das Finanzgewerbe eines Landes selbst zu einem Risiko für das globale System.Versuche, diesem System die Verantwortung für eine Krise zuzuschieben, gleichen aber nur dem altbekannten Ablenkungsmanöver: "Haltet den Dieb!" Damit Märkte funktionieren, dürfen Staaten und Regierungen das Vertrauen nicht mutwillig aufs Spiel setzen.Sie riskieren aber schon Einbußen, wenn sie wie im Falle Mexikos vor dreieinhalb Jahren Verschlechterungen der Zahlungsbilanz verschweigen oder deren Publikation verzögern oder wie bei Thailand, Indonesien und Korea zu lange an irreal gewordenen Wechselkursen festhalten oder Schieflagen von Finanzinstituten verheimlichen und nicht einmal die Mißstände beseitigen, die dazu geführt haben.Der Praktiker Greenspan zieht daraus klare Konsequenzen: Der Informationsfluß muß klarer, korrekter und übersichtlicher werden wie es der IWF mit der Vereinheitlichung der Publikation wirtschaftlicher Daten schon gefordert hat.Es ist eine effizientere Aufsicht der Finanzinstitutionen und der Wertpapiermärkte erforderlich und vor allem "eine größere Sensibilität gegenüber den Marktsignalen".Die von Rubin und Greenspan geforderte neue "Architektur an den Finanzmärkten" ist mithin gar nicht so neu.Die Märkte müßten sich nur an den alten, oft vernachlässigten oder sogar bewußt mißachteten Warnsignalen orientieren, um eine Krise im voraus zu erkennen und zu vermeiden.Einer neuen Architektur bedarf es dann nicht.

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