Die Folgen der Geldschwemme : Scheine ohne Ende

Die Zinsen sind weltweit so niedrig wie nie, doch die Inflation zieht trotzdem nicht an. Warum eigentlich?

Ein Mann beugt sich mit einer Lupe in der Hand über einen Bogen mit Zehn-Euro-Geldscheinen.
Unter der Lupe. Jeder zweite Deutsche fürchtet einer neuen Umfrage zufolge 2014 deutlich steigende Preise.Foto: dpa

An den Abend Mitte November im New Yorker Rockefeller Center erinnert sich Jussi Pylkkänen noch immer gerne. „Es war ein historischer Moment“, schwärmt der Chefauktionator des Hauses Christie's. Für fast 500 Millionen Euro hatte er Kunstwerke an den Mann gebracht, darunter das Triptychon „Three Studies of Lucian Freud“ von Francis Bacon. Ein unbekannter Käufer blätterte am Ende 106 Millionen Euro auf den Tisch, ein Rekordpreis für ein Einzelstück. Überrascht ist Pylkkänen von den immensen Summen nicht. „Wenn heute ein wirklich großartiges Kunstwerk auf den Markt kommt, ist nur noch die Frage, wie viele Bieter sich darum streiten“, erzählt er. Das Bacon-Bild werde kein Einzelfall bleiben. „Wir werden noch mehr Preise um die 100-Millionen-Dollar-Marke erleben“, glaubt er.

Das liegt nicht nur daran, dass es immer mehr Freunde der schönen Künste gibt. So viel Geld wie noch nie schwirrt um den Globus, und die Besitzer wollen es nicht aufs Konto legen. Kunst, Oldtimer oder Immobilien sind als Anlageziele gefragt. Vor allem aber Anleihen und Aktien. Dax und Dow Jones sind 2013 um mehr als 25 Prozent gestiegen, der japanische Nikkei-Index gar um 55 Prozent. Zwar lässt die US-Notenbank Federal Reserve die Druckerpresse seit Januar langsamer laufen. „Aber die anderen wichtigen Zentralbanken bleiben mit dem Fuß auf dem Gas“, sagt Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank.

Die Fed hat ihre Bilanzsumme seit Beginn der Finanzkrise fast vervierfacht, indem sie Wertpapiere gekauft hat. Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) verdoppelte sich im gleichen Zeitraum die Bilanzsumme. Paradox ist: Warnungen vor einem Inflationsschub sind dennoch nicht zu hören. Kaum ein Ökonom fürchtet, dass die Liquiditätsspritzen, die das Weltfinanzsystem seit Jahren von den Notenbanken bekommt, bald auch die Preise auf den Gütermärkten befeuern könnten.

Die Angst vor Inflation wächst

Dabei sind die Deutschen beunruhigt. Schon zu Silvester 2012 gaben in einer Umfrage 42 Prozent an, große Angst vor Geldentwertung zu haben. Die Bedenken sind zuletzt noch gewachsen: 46 Prozent, also fast jeder Zweite, rechnen mit einem deutlichen Preisanstieg, ergab eine Studie der Bank of Scotland. In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind die Sorgen am größten. Tatsächlich sind zwar Lebensmittel in den vergangenen zwei Jahren deutlich teurer geworden, vor allem Obst mit 13 Prozent und Fleisch mit neun Prozent. Doch zugleich verbilligten sich Benzin und Heizöl spürbar. Insgesamt blieb die Teuerung mit 1,3 Prozent im November im Rahmen. Im Euro-Raum lag die Rate nur bei 0,9 Prozent. Bei knapp unter zwei Prozent sieht die EZB Preisstabilität.

Dass sich bei den Preisen so wenig tut, liegt zum einen an den Währungshütern selbst. „Für jeden Euro, den wir zuführen, schöpfen wir wieder einen Euro ab“, hatte EZB-Präsident Mario Draghi versprochen. Zum anderen ist Europas Konjunktur zu schwach, trotz der guten Aussichten in Deutschland. Die EZB fürchtet derzeit eher eine Deflation, also sinkende Preise. „Inflationsgefahr wird es nur geben, wenn die Wirtschaft Europas richtig anzieht“, sagt Carsten Brzeski, Chefökonom der Bank ING Diba. „Aber das wird 2014 noch nicht passieren.“

Europa kommt nur mühsam aus der Krise

Denn dazu ist die Arbeitslosigkeit noch zu hoch. Jeder achte Bürger in der Euro-Zone sucht derzeit einen Job. „Tariferhöhungen in der Bundesrepublik von gut drei Prozent reichen nicht, um eine hausgemachte Lohn-Preis-Spirale zu erzeugen“, urteilt Christian Schulz von der Berenberg Bank. Auch der Euro-Wechselkurs sorgt momentan nicht für steigende Preise. Eigentlich müsste die Währung angesichts der laxen Zinspolitik der EZB unter Abwertungsdruck stehen. Weil die Notenbanken Großbritanniens, Japans und der USA beim Gelddrucken aber noch radikaler agieren, passiert dem Euro das Gegenteil: Er gewinnt an Wert.

In Deutschland kommt das viele Kapital zwar bei den Unternehmen an, die Banken sind derzeit freigiebig wie noch nie. In Südeuropa ist es umgekehrt, dort halten sich die Institute zurück. Womöglich müssen die Notenbanker Neuland betreten, um die Blockade zu lösen. Dabei können sie sicher sein, dass die Preise vorerst unter Kontrolle bleiben. „Die Inflation wird wohl noch mehrere Jahre unter zwei Prozent liegen“, erwartet Commerzbank-Mann Krämer.

Es sei denn, es geht um Aktien oder Immobilien in gefragten Regionen. „Kleinere Blasen sind durchaus möglich“, warnt ING-Mann Brzeski. „Die Anleger müssen deshalb aufpassen, sich nicht in risikoreiche Produkte drängen zu lassen.“

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

24 Kommentare

Neuester Kommentar