Wirtschaft : Die Folgen des Anschlags: Der Krieg ist nicht versichert

Thomas Magenheim

Wer an der Börse handelt, darf sich offenbar nicht allzu viele menschliche Regungen erlauben. Nachdem am vergangenen Dienstag vier entführte Passagierjets von Terroristen zum Absturz gebracht worden waren und Tausende Menschen in den Tod gerissen wurden, brachen nicht nur die beiden Türme des World Trade Centers (WTC) ein. Minuten nach dem Fiasko gingen auch die Börsenkurse in Europa in den Sturzflug über.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Besonders betroffen waren neben Fluggesellschaften und Touristikkonzernen vor allem Versicherer wie die beiden Münchner Konzerne Allianz und Münchener Rück. Beide Unternehmen verloren in einer ersten Reaktion auf die Terrorangriffe bis zu einem Fünftel ihres Werts an der Börse. Das schnelle Kalkül der Akteure auf dem Parkett: Der Terror hat nicht nur viele Menschenleben, sondern auch die Zerstörung immenser materieller Werte gefordert, für die die Versicherer demnächst gerade stehen müssen.

Obwohl die Lage noch weitgehend unübersichtlich ist und rund um das WTC weitere Wolkenkratzer einzustürzen drohen, haben Experten des Londoner Versicherers Lloyds den auf die gesamte Branche zukommenden Schaden auf bis zu 85 Milliarden Mark taxiert. Denn versichert waren nicht nur die in den Tod gerissenen Menschen, sondern auch die vier abgestürzten Flugzeuge und das World Trade Center. Zusammen mit den Policen gegen Betriebsausfall der im WTC angesiedelten Firmen werden die Terrorangriffe damit zur kostspieligsten je von Menschen verursachten Katastrophe, schätzt das Insurance Information Institute in New York.

Ein Netz für die Sicherheit

Ähnliches fürchtet auch die Münchener Rück, die für die Branche mit Kosten in Höhe einer zweistelligen Milliardensumme rechnet und glaubt, selbst bis zu zwei Milliarden Mark Versicherungssumme zahlen zu müssen. Das Unternehmen ist die global führende Rückversicherung und als solche massiv von den jetzt auf die Branche zukommenden Forderungen betroffen. Während Erstversicherer wie die Allianz dem Endverbraucher - von Privatpersonen bis zu Konzernen - ihre Policen anbieten, fungieren die Münchener Rück und deren Konkurrenten ausschließlich als Versicherung für Erstversicherer. Darüber hinaus sind die Rückversicherer in einem globalen Netz untereinander versichert. Mit diesem System sollen Großschäden wie jetzt in New York und Washington möglichst auf die ganze Branche verteilt werden, um zu verhindern, dass eine einzelne Gesellschaft zu stark getroffen wird und bankrott geht.

Diese Gefahr besteht nach dem Terror in den USA bei der Münchener Rück keinesfalls, beeilte sich eine Konzernsprecherin zu erklären. Trotz der schrecklichen Dimension der Terrorangriffe werde die Solidität des Konzerns davon nicht berührt. Finanziell liege der sich abzeichnende Schaden in der Größenordnung jüngster Naturkatastrophen, die die Münchener Rück stets auch verdaut habe.

Das sieht auch der Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Werner Sinn, so. "Die materiellen Schäden sind mit den Folgen eines Erdbebens zu vergleichbar," meint er. Und die seien von Rückversicherern durchaus verkraftbar. Allerdings wird der urspünglich für dieses Jahr auf 3,8 Milliarden Mark prognostizierte Jahresüberschuss der Münchener Rück "deutlich beeinträchtigt", räumte Konzernchef Hans-Jürgen Schinzler ein. Das gilt auch für den global zweitgrößten Erstversicherer Allianz, der in den USA stark vertreten ist. Statt eines Gewinns von 5,3 Milliarden Mark erwartet Allianz-Vorstand Helmut Perlet nur noch ein Plus von rund vier Milliarden Mark. Die Katastrophe werde den Konzern wohl bis zu 1,4 Milliarden Mark kosten, schätzte er. In echte Verlegenheit bringt das die Allianz aber nicht, die über Anlagen im Wert von rund einer Billion Mark verfügt.

Mögliche Hilfe der US-Regierung

Es gibt zudem auch Stimmen aus der Branche, die glauben, dass die Versicherungswirtschaft wegen der Terroranschläge weit weniger als befürchtet in Haftung genommen wird. Beispielsweise rechnen einige Assekuranz-Experten damit, dass die US-Regierung einen Großteil der Schäden übernehmen wird, so wie das der französische Staat bei freilich weit weniger dramatischen Terroranschlägen der Jahre 1985 und 1986 auf dem eigenen Staatsgebiet getan hatte. Unklar ist zudem, inwiefern die Policen überhaupt greifen. Zum einen könne je nach Vertrag eine Haftung bei Terroranschlägen ausgeschlossen sein, sagen einzelne Experten. Sie glauben auch, dass Versicherer angesichts des Ausmaßes der jetzigen Terroranschläge künftig wohl verstärkt von dieser Ausschlussklausel Gebrauch machen oder einzelne Beiträge, etwa für die Versicherung von Wolkenkratzern, erhöhen. Schon jetzt grundsätzlich nicht versichert sind Schäden, die durch einen Krieg verursacht wurden. Ob die Anschläge von New York und Washington als kriegerischer Akt zu werten sind, gilt als juristisch umstritten. Nicht versichert ist auch das Pentagon - wie bei Regierungsgebäuden üblich - und Schäden an öffentlichen Straßen.

Grundsätzlich unterschieden werden muss auch zwischen versicherten und wirklichen Schäden. So ist das WTC erst dieses Jahr für knapp sieben Milliarden Mark an den US-Immobilienmagnaten Larry Silverstein verkauft worden. Die Versicherungssumme liegt nach Angaben aus Versicherungskreisen aber nur bei knapp der Hälfte dieser Summe. Weil ein Einsturz als extrem unwahrscheinlich gegolten hatte, sei nur ein Turm dagegen versichert worden, heißt es. Von der Aussicht, auf einem Großteil des Schadens selbst sitzen zu bleiben, lässt sich Silverstein aber offenbar kaum beeindrucken. Vielmehr hat er nach Angaben des US-Senders CNN soeben angekündigt, die Zwillingstürme wieder aufbauen zu wollen.

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