Wirtschaft : Die Frauenfänger

Onlinehändler erwarten ein blendendes Geschäftsjahr – vorausgesetzt, die Damen spielen mit

Sebastian Bickerich,Corinna Visser

Es war so übersichtlich, damals. Einmal im Jahr kam der Quelle-Katalog ins Haus (die Nachbarn hatten Neckermann), die Familie blätterte in der auf tausend Seiten eingegrenzten Warenwelt, und dann wurde bestellt – im Wohnzimmer. Gern ergänzte die Mutter heimlich auf dem Postamt ein paar neue Unterhemden für den Vater.

Heute ist es mit dem Kataloghandel aus und vorbei, bei Neckermann gibt es die Schwarte seit 2005 nicht mehr, Quelle prüft „attraktivere Modelle“ – und alle schauen auf das Internet, das sich in den vergangenen zehn Jahren zu einer der größten Wachstumsbranchen in Deutschland entwickelt hat. Die Zahlen sind in der Tat beeindruckend: Vom Jahr 2000 bis 2005 hat sich die Zahl der Onlinekäufer von fünf Millionen auf knapp 25 Millionen verfünffacht. Der Warenumsatz der Branche versechsfachte sich – von einer Milliarde Euro 2000 auf 6,1 Milliarden im vergangenen Jahr. Für 2006 rechnet die Branche mit einem Zuwachs um 13 Prozent.

Die Onlinehändler stehen nur vor einem Problem: „Die Zeit der riesigen Zuwächse bei den Kundenzahlen neigt sich dem Ende zu“, sagt Unternehmensberaterin und E-Commerce-Expertin Susanne Fittkau. Jetzt geht es darum, die Leute bei der Stange zu halten – und die letzte große Lücke zu schließen, die es bei Amazon, Otto, Neckermann und Co. gibt: Noch kaufen online weniger Frauen ein als Männer. Das soll sich ändern. Wie dereinst auf dem Postamt sollen sie nun vom Schreibtisch aus die Umsätze der Branche mit Mode, Kosmetik und Lebensmitteln befeuern – und die Männer überflügeln, die im Netz eher Bücher, Software und Computer kaufen. „Im Jahr 2000 waren 80 Prozent der Onlinekäufer männlich. Heute kaufen schon knapp 45 Prozent Frauen ein. Tendenz steigend“, sagt Dorothee Hoffmann vom Versandhandelsverband.

Auch Thomas Schnieders, Chef der Online-Sparte beim Versandhändler Otto, setzt auf die Onlinekäuferinnen. „Verglichen mit den Nutzungsgewohnheiten der Internetuser allgemein haben wir bei Otto einen deutlich höheren Frauenanteil“, sagt der Manager – und spricht von unterschiedlichen Warentrends: „Sehr gut liefen Damenoberbekleidung, Dessous und Wäsche, die Top drei der beliebtesten Geschenke für Frauen. Mit Handys und Digitalkameras kamen die Topseller bei den Geschenken für Männer aus dem Bereich Technik.“

Um mehr Frauen zu interessieren, satteln die großen Versandhäuser auch beim Sortiment um. Andreas Gutjahr von der Agentur Nielsen Netrating erwartet eine stärkere Hinwendung zu Mode und Lebensmitteln. „Das wurde in Deutschland bislang vernachlässigt.“ Und die Portale werden zu Universalanbietern – auf verschiedenen Wegen: Während man bei Otto.de auf das „Shop- in-Shop“-Prinzip setzt – der Versand kooperiert mit rund 50 Markenshops wie Obi oder Mytoys.de –, will Marktführer Amazon sich selbst breiter aufstellen. „Wir wollen mit möglichst vielen Kategorien am Markt sein“, sagt Deutschland-Chef Ralf Kleber. Vor allem von der weiteren Verbreitung von schnellen DSL-Anschlüssen und Pauschaltarifen (Flatrates) verspricht er sich einen „deutlichen Schub“ .

Auch die Fußball-WM und die Mehrwertsteuererhöhung 2007 sollen in diesem Jahr neue Käufer bringen. Vor Beginn der Computermesse Cebit im März geben sich die Unternehmen optimistisch: Der US-Konzern Amazon strebt ein Umsatzwachstum von 16 bis 23 Prozent an. „Amazons internationales Geschäft – zu dem auch Deutschland gehört – wird sich in einem ähnlichen Rahmen entwickeln“, sagt Kleber. Auch Schnieders will mit Otto, nach eigenen Angaben weltweit die Nummer zwei im Onlinehandel, „deutlich zulegen“ und spricht im Verhältnis zum Branchenführer Amazon von einem „Ansporn“. Zur Jagd auf Amazon bläst auch Karstadt-Quelle. Zur Zeit modernisiert der Konzern mit großem Aufwand seine Portale „Neckermann.de“ und „Quelle.de“.

Nur ein Problem wird die Branche nie lösen können: Man kann die Ware nicht anfassen. Bei einem Computerkabel ist das egal, beim Seidenkleid nicht. Mit allerlei Aufwand versuchen die Anbieter deshalb, das Distanzproblem in den Griff zu bekommen. „Multimediale Produktansichten“, Größenberatung oder Klamottenkombinationen online sollen Interessierten eine perfekte Simulation der gewollten Ware bieten – und den guten alten Katalog endgültig ausspielen.

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