Wirtschaft : Die Freiheit wird Hundert

1903 verließ die erste Harley-Davidson einen Bretterschuppen in Milwaukee – noch heute verkörpert sie Abenteuer und Individualität

Corinna Visser

Berlin. Ab heute wird in Milwaukee die Erde vier Tage lang vibrieren. Dann kommen viele tausend Biker über vier Routen auf ihren Harleys quer durch die USA, um am Lake Michigan ausgiebig zu feiern: den 100-jährigen Geburtstag einer Legende. 1903 verließ hier die erste Harley-Davidson eine etwa zwölf Quadratmeter große Bretterbude im Hinterhof der Familie Davidson.

2003 werden 300000 Besucher zu den Festlichkeiten in der 600000-Einwohner- Stadt Milwaukee erwartet. Es wird ein großes Musikfestival geben, Bier und Barbecue, natürlich eine große Parade von 10000 Harleys – keine wird wie die andere sein. Zum Abschluss wird eine große Party gefeiert – inklusive Feuerwerk. Es ist für jeden etwas dabei, sagen die Veranstalter. Das muss es auch, denn sie werden alle kommen: die zotteligen Easy-Rider-Typen, die echten und die Feierabend-Rocker, die Zahnärzte, Anwälte und Banker, die echten und die Möchtegern-Rebellen. Sie alle verbindet eine Faszination: Denn es mag noch so abgedroschen klingen, aber tatsächlich denkt wirklich jeder bei Harley-Davidson an Individualität, Freiheit, Nonkonformität. Auch wenn diese Attribute nicht immer auf die Besitzer zutreffen mögen, klar ist: Sie träumen davon, wenn sie auf ihre Maschine steigen.

Ihre Erfinder dagegen träumen 1903 von etwas ganz anderem: Sie wollen Fahrradfahren weniger anstrengend machen. Die Brüder Walter und Arthur Davidson basteln gemeinsam mit William „Bill“ Harley an einem motorisierten Zweirad. Der Überlieferung nach nutzen sie eine umgemodelte Konservendose, um daraus den ersten Vergaser zu konstruieren. Drei PS bringt das später „Silent Grey Fellow“ – stiller grauer Kamerad – genannte Zweirad auf die Straße. Bergauf muss man immer noch in die Pedale treten.

Obwohl das Gefährt weder über Kupplung noch Getriebe und auch keine Federung verfügt, kommt es gut an. Die Firma wächst schnell. Ein dritter Davidson-Bruder, William, steigt ins Geschäft ein. Im Jahr 1909 beschäftigt das Unternehmen bereits 35 Angestellte. 1909 ist auch das Jahr in dem das Modell „61“ auf den Markt kommt. Es ist die erste Harley-Davidson mit zwei im 45-Grad- Winkel montierten Antriebszylindern. Dieser V2-Motor ist bis heute Markenzeichen der Motorräder aus Milwaukee. Er sorgt für den unruhigen Lauf und den unverwechselbaren Sound: erst blubbernd, dann knatternd, dann in ein dumpfes Grollen übergehend. Mit „potato, potato, potato“ versuchen die Amerikaner, den Klang zu beschreiben.

Das Unternehmen hat seither eine wechselvolle Geschichte hinter sich gebracht. Harte Konkurrenz kam vor allem aus Japan: Die Asiaten bauten kleinere, schnellere, zuverlässigere Maschinen – und das auch noch billiger. Ein wichtiges Jahr ist 1969. Da kommt nicht nur „Easy Rider“ in die Kinos und verknüpft das Image des Motorrades unwiederbringlich mit Freiheit und Unangepasstheit. 1969 beginnt auch das dunkle Kapitel, in dem Harley-Davidson der American Machine and Foundry Company (AMF) gehört. In dieser Zeit habe die Fertigungsqualität schwer gelitten, beklagen Liebhaber.

Der schlechte Ruf von damals verfolge die Motorräder noch immer. Zu unrecht, sagen sie. Knapp vier Millionen Harleys sind bis heute produziert worden. 75 Prozent davon existierten noch. Welcher Hersteller könne das noch von sich sagen, fragen sie. Die Wende kommt, als das Management die Firma 1981 für 80 Millionen Dollar von AMF freikauft. Neue – japanische – Fertigungsmethoden werden in Milwaukee eingeführt. 1984 kommt der neue Motor „Evolution“ auf den Markt. Seit 1985 schreibt Harley-Davidson schwarze Zahlen. Das ist auch einem Enkel der Gründer zu verdanken: Chefdesigner William G. Davidson söhnte das Unternehmen mit der Easy-Rider-Generation und ihren Nachfahren aus, eine Klientel, mit der das frühere Management nichts zu tun haben wollte.

„Willy G.“ pflegt engen Kontakt zu den Bikern. Etwa 660000 von ihnen gehören der HOG an, der Harley Owners Group. Nein, das ist kein Rockerclub, sondern ein Verein von Harleybesitzern, die gern zusammen Ausflüge mit ihren Zweirädern machen. Und mancher nennt seine Harley dabei liebevoll: Mein altes Mädchen.

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