Wirtschaft : „Die Funkausstellung ist kein Anziehungspunkt mehr“

Jürgen von Kuczkowski, Chef von Vodafone Deutschland, über die Attraktivität der Ifa und die Probleme mit der neuen Handytechnik UMTS

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Herr von Kuczkowski, Ende der Woche beginnt in Berlin die Internationale Funkausstellung. Wie wichtig ist die Ifa für Vodafone?

Das ist eine Frage, die ich mir auch stelle. Und ich suche noch nach einer Antwort. Wir werden sehr genau beobachten, wie diese Messe läuft. Früher war die Ifa ein großer Anziehungspunkt. Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Namhafte Unternehmen bleiben fern. Wir haben uns aus alter Treue zur Teilnahme entschlossen. Und wir müssen sehen, ob das in der Zukunft noch trägt. Das kann ich jetzt noch nicht beurteilen.

Wie messen Sie den Erfolg?

Wir sehen natürlich anhand der Besucherzahlen, ob es sich lohnt oder nicht: Ist das eine rein lokale Veranstaltung oder geht das über den Großraum Berlin hinaus? Wird die Ifa von der übrigen Republik überhaupt noch wahrgenommen? Ich habe da meine Zweifel, wenn nicht ausreichend Werbung gemacht wird. Und ich habe noch nicht einmal in Berlin Plakate gesehen. Das war früher anders. Da war die Ifa ein wichtiges Ereignis.

Investieren Sie deshalb weniger in die Ifa?

Unser Stand ist kleiner als im Vorjahr, wir haben also die Kosten etwas reduziert. Aber es ist immer noch ein nennenswerter Betrag.

Der zur Disposition steht, wenn Sie nicht den gewünschten Erfolg sehen?

Ja.

Der Einzelhandel klagt über die Kaufunlust der Kunden. Halten sich die Menschen auch beim Telefonieren zurück?

Wir beobachten keinen Einbruch im Telefonierverhalten. Aber wir wissen natürlich nicht, ob es Steigerungen gäbe, wenn die Konjunktur besser liefe. In den letzten Wochen hat die Gluthitze in den Städten natürlich dazu geführt, dass kaum einer einkaufen gegangen ist und entsprechend auch die VodafoneShops leerer waren.

Hat sich das auch negativ auf den Verkauf der neuen Kamerahandys ausgewirkt?

Nein, damit sind wir sehr zufrieden. Wir haben schon mehr als eine Million Kamerahandys verkauft. Die sind ein absoluter Renner. Und es kommen immer mehr Geräte mit Kamera auf den Markt.

Nutzen die Kunden denn all die neuen Funktionen der Handys?

Wir haben bereits mehr als 700000 Kunden, die unseren mobilen Multimediadienst „Vodafone live“ nutzen. Im Schnitt geben diese Kunden deutlich mehr aus, als die anderen.

Was sind die beliebtesten Dienste?

Es sind Spiele und Klingeltöne. Und es sind Inhalte, wie etwa der Sport. Die Bundesliga und die Formel Eins sind absolute Highlights. Wenn solche Ereignisse anstehen, geht die Nutzung deutlich in die Höhe. Und es werden auch Bildnachrichten und Postkarten verschickt. Es geht also quer durch die ganze Palette. Das ist erst der Anfang. Die Entwicklung geht sprunghafter nach oben, als wir es mit SMS erlebt haben.

Was wird es zur Ifa Neues geben?

Wir werden die neue Mobilfunkgeneration UMTS präsentieren. Wir werden zeigen, was die neue Technik für einen Unterschied in der Qualität macht: bei der Videotelefonie, beim Herunterladen von Videosequenzen. Und wir werden neue Handys zeigen. Die Kamerahandys entwickeln sich sprunghaft weiter: Die Qualität der Bilder wird besser, die Displays größer, die Preise werden attraktiver.

Sagen Sie den Herstellern, was Sie von den Geräten erwarten?

Ja, unser Einfluss auf die Hersteller nimmt deutlich zu. Sie stellen sich auf unsere Anforderungen ein und wir garantieren dafür ein bestimmtes Abnahmevolumen. Viele Hersteller, auch Nokia, sind jetzt bereit, Vodafone-live-Spezifikationen zu integrieren.

Steht dann Nokia oder Vodafone live auf dem Gerät?

Beides.

Es war offenbar nicht so leicht, Nokia zu überzeugen...

Nokia ist sehr selbstbewusst. Da sie aber erkannt haben, dass Vodafone live ein interessanter Markt ist, der sonst an ihnen vorbei gehen würde, haben sie sehr stark mit uns zusammengearbeitet.

Wie viele Kunden wollen Sie für die neuen Multimediadienste gewinnen?

Der Erfolg von Vodafone live liegt oberhalb der Erwartungen. Und ich bin sicher, dass im Weihnachtsgeschäft jedes zweite verkaufte Handy ein Kamerahandy sein wird. Zum Jahresende werden wir deutlich über eine Million Vodafone-live-Nutzer haben.

Werden Sie in Deutschland weiterhin Handys subventionieren?

Was sollen wir denn ändern? Wenn Sie das Gesamtpaket betrachten – die Gesprächsgebühren in allen Varianten plus Handysubvention – gehört Deutschland zu den preiswertesten Ländern. Hier ist das Ein-Euro-Handy eine Selbstverständlichkeit, und zwar ein hochwertiges Handy.

Bisher war es aber erklärtes Ziel der Netzbetreiber, die Subventionen zu reduzieren...

Wir haben gesagt: Die Subventionen müssen runter. Das sind sie auch – besonders im Prepaid-Geschäft. Wer jedoch beim Kauf eines Handys einen Vertrag abschließt, merkt das nicht so stark, weil der Druck auf die Hersteller gewirkt hat. Das heißt: Die Einkaufspreise für uns sind deutlich gesunken. Das Ein-Euro-Handy können wir immer noch anbieten – zu reduzierten Einkaufspreisen.

Wann starten Sie mit der neuen Mobilfunktechnik UMTS?

Sobald die Geräte da sind.

Wann wird das sein?

Schwer zu sagen, ich bin nicht der Hersteller der Endgeräte. In dieser Beziehung sind wir abhängig von den Produzenten.

Nokia, Motorola und Siemens haben doch bereits UMTS-Telefone vorgestellt...

Die meisten dieser Geräte können aber bestimmte Dinge nicht, die für UMTS gedacht sind. Das werden wir daher nicht zum Anlass nehmen, mit UMTS zu starten.

Könnte das ersehnte UMTS-Telefon anstatt vom Marktführer Nokia aus Finnland auch aus Asien kommen?

Das kann sehr gut sein. Es ist aber noch offen, von welchen Herstellern die ersten attraktiven UMTS-Handys kommen werden. Im vergangenen Jahr haben die Asiaten bewiesen, dass sie sehr konkurrenzfähige Kamerahandys liefern können.

Was müssen die neuen Geräte können, damit Sie damit an den Start gehen?

Das Gerät muss nahtlos von den Netzen mit alter Technik in die Netze mit der neuen Technik wechseln können. Das klappt noch nicht perfekt. Und ein UMTS-Gerät muss auch die UMTS-Funktionen haben: Sie müssen zum Beispiel Videos abspielen oder per MMS versenden können. Wenn ich diese Funktionen nicht habe, laufe ich Gefahr, dass der Kunde mich fragt: Wofür brauche ich UMTS überhaupt? Damit wäre UMTS negativ belastet, bevor es angefangen hat. Das wollen wir auf jeden Fall vermeiden.

Die Hersteller wissen schon lange, dass UMTS kommen wird. Wer hat denn da geschlafen?

Es hat keiner geschlafen. Es handelt sich um eine komplett neue Technologie, die zu dem Zeitpunkt der Lizenzvergabe im Jahr 2000 überhaupt noch keinen Reifegrad hatte. Erst im Laufe der Entwicklung wurde festgestellt, wo die Schwierigkeiten liegen. Die Komplexität ist einfach unterschätzt worden.

Sie nehmen die Verzögerung erstaunlich gelassen, obwohl Sie Milliarden in Lizenz und Netzaufbau investiert haben. Das müssen Sie wieder verdienen – und zwar möglichst schnell...

Wir waren erfahren genug, dass wir diese Schwierigkeiten im Geschäftsplan antizipiert haben. Wir sind immer davon ausgegangen, dass UMTS bis 2004/2005 eine absolut untergeordnete Rolle spielen wird. Insofern hat unser Geschäftsplan noch Bestand.

Ab wann wird UMTS denn eine Rolle spielen?

Wir erwarten, dass der Anteil von UMTS am gesamten Geschäft in den Jahren 2004 bis 2005 im zweistelligen Prozentbereich liegen wird, 2006 deutlich über zehn Prozent.

Können Sie von den Herstellern Vertragsstrafen wegen der Verzögerung verlangen?

Auf solche Verträge über die Lieferung von UMTS-Geräten zu einem bestimmten Termin hat sich kein Hersteller eingelassen.

Und wie ist es mit dem Netz?

Das Netz ist in einem sehr fortgeschrittenen Zustand. Wir haben die Zeit genutzt: Wenn die Geräte da sind, wird das Netz weiter ausgebaut sein als ursprünglich geplant.

Wann ist es soweit?

Ich kann zur Zeit keinen definitiven Starttermin nennen. Bei der Nennung früherer Termine bin ich zu oft enttäuscht worden.

Sie sind auf dem deutschen Markt mal die Nummer eins gewesen – das ist nun T-Mobile. Wollen Sie den Konkurrenten wieder überholen?

Das ist kein strategisches Ziel. Wir schauen lieber auf den Umsatz pro Kunde – da sind wir besser. Auf die Wirtschaftlichkeit kommt es an.

Der Vodafone-Konzern hat seit kurzem einen neuen Chef: Arun Sarin. Was wird sich ändern?

Es wird keinen Bruch geben. Die Zeit der großen Zukäufe ist vorbei. Jetzt kommt die Zeit, wo wir konsolidieren und den operativen Erfolg aus dem Erworbenen ziehen.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

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