Wirtschaft : Die Furcht vor dem Feind im Gefieder

Verbraucherschützer fordern schärfere Kontrollen, Bauern streiten über die Stallpflicht – und die Konsumenten essen weiter Huhn

Maren Peters,Flora Wisdorff

Berlin - Aus Sorge davor, dass das Vogelgrippe-Virus nach Deutschland eingeschleppt werden könnte, haben Verbraucherschützer noch schärfere Kontrollen an den Flughäfen gefordert. „Die Kontrolldichte an den Flughäfen muss erhöht werden“, sagte Thomas Isenberg, Gesundheitsexperte der Verbraucherzentrale Bundesverband, dem Tagesspiegel am Sonntag. So sei es zum Beispiel sinnvoll, bei allen einreisenden Touristen, die aus Infektionsgebieten wie der Türkei oder Rumänien kämen, die Schuhe zwingend zu desinfizieren, sagte der Verbraucherschützer.

Eine besonders gefährliche Variante der Vogelgrippe war in der vergangenen Woche auch in der Türkei und Rumänien angekommen. Bedrohlich ist sie zwar vor allem für Vögel und solche Menschen, die in engem Kontakt mit infizierten Vögeln sind. Experten befürchten allerdings, dass sich der Erreger so verändern könnte, dass er auch für die breite Bevölkerung gefährlich wird – und dann Millionen Opfer fordern könnte. In der vergangenen Woche hatten Bund und Länder angekündigt, die Kontrollen von Reisenden aus der Türkei und Rumänien an Flughäfen und den Grenzen zu forcieren.

Anders als für den Menschen ist für Hühner, Enten und Gänse in Deutschland die Gefahr schon greifbar nah. Der Deutsche Bauernverband befürchtet das Schlimmste, sollte das Vogelgrippe-Virus auch das heimische Geflügel befallen. „Wenn das Virus ausbricht, hätte das verheerende finanzielle Folgen für die Betriebe“, sagte Brigitte Wenzel, Referentin für Tiergesundheit beim Deutschen Bauernverband, dem Tagesspiegel am Sonntag. Um das Risiko zu begrenzen, fordert der Verband, der vor allem die Interessen der konventionellen Bauern vertritt, einen bundesweiten Stallzwang für Geflügel. Bundesregierung und EU lehnen das aber ab und überlassen den einzelnen Bundesländern die Entscheidung. Statt einer einheitlichen Lösung sollen die Länder dem Bundesverbraucherministerium zufolge Risikogebiete einer möglichen Virenübertragung durch Zugvögel bestimmen und dort den Kontakt infizierter Zugvögel mit Geflügel durch Freilaufverbote verhindern.

Auch im ökologischen Landbau, wo die meisten Tiere im Freiland gehalten werden, zeigte man sich überrascht angesichts der Forderung des Bauernverbandes. „Ich bin erstaunt, dass der DBV die Stallpflicht schon jetzt fordert“, sagte Thomas Dosch, Geschäftsführer des Verbandes Bioland, dieser Zeitung. Da das Virus noch weit entfernt sei, sei eine bundesweite Einsperrpflicht für Hühner und anderes Gefieder nicht „verhältnismäßig“.

In Deutschland gibt es 55 Millionen Hähnchen und 45 Millionen Legehennen. Der Umsatz der Geflügelindustrie beträgt jährlich zwei Milliarden Euro, 80000 Arbeitsplätze gibt es in der Branche.

Ähnlich gelassen wie der Biobauer zeigen sich bislang auch die Verbraucher. Nach Angaben einer Sprecherin der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle für Erzeugnisse der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft (ZMP) hat sich bisher „weder die Nachfrage noch die Preisentwicklung bei Geflügelprodukten aufgrund der Vogelgrippe verändert“.

Anders in Italien: Hier war nach dem Vogelgrippe-Alarm in Rumänien und der Türkei der Geflügelabsatz um bis zu 40 Prozent zurückgegangen. Nach Angaben des italienischen Bauernverbandes Cia ist auch ein „übertriebener Alarmismus“ schuld an dem dramatischen Einbruch.

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