Wirtschaft : Die ganze Börse in einem Papier

PETER HEIN

"Amateure", "Nieten", "Blinde mit Krückstock" - wenn es um die Leistungen der Fondsmanager geht, gibt es für viele Wirtschaftsmagazine kein Halten mehr.Der Grund für die verbalen Tiefschläge: Die Ergebnisse der meisten Fonds sind zu schlecht.Ein Blick auf die aktuelle Statistik des Bundesverband Deutscher Investmentgesellschaften (BVI) ist denn auch Wasser auf die Mühlen der Kritiker.Zum Stichtag 31.März 1999 bescherten nicht weniger als 78 von 94 Fonds mit Anlageschwerpunkt Deutschland ihren Anlegern auf Sicht von einem Jahr einen Verlust.Der Dax sackte zwar im gleichen Zeitraum ebenfalls um fünf Prozent nach unten, aber nur 39 Fonds schafften es, besser als das Marktbarometer abzuschneiden.Ob nun eine andere Fondsgruppe oder ein längerer Betrachtungszeitraum - das Ergebnis ist stets das gleiche: Im Schnitt schlägt nur ein Drittel der Fondsmanager den für sie maßgeblichen Index.Ärgerlich für Fondsfans daran ist, daß diese Gruppe von Jahr zu Jahr ständig wechselt.

Bei der Auswahl gehen deshalb immer mehr Anleger auf Nummer Sicher und greifen zu Indexfonds.Deren Manager können eigentlich nichts falsch machen.Anstatt vom Kurszettel die vermeintlich besten Papiere herauszupicken, bilden sie mit ihrem Fondsdepots einen bestimmten Index nach - zum Beispiel den Dax.Folge: Die Wertentwicklung des Fonds entspricht mehr oder weniger genau der des Index.Im Grunde steckt dahinter die Ursprungsidee des Investmentfonds.Der Kauf der größten Werte einer Börse deckt den Gesamtmarkt ab, eine breite Streuung vermindert das Risiko.

Mit Inkrafttreten des neuen Finanzmarktförderungsgesetzes sind Indexfonds offiziell in Deutschland zugelassen, doch auch davor gab es einige Fondsgesellschaften, die ihre Indexfonds über Luxemburg ins Rennen schickten.Doch noch ist deren Angebot alles andere als üppig.Für den Dax gibt es bislang ein halbes Dutzend Fonds, beim Euro Stoxx 50 sind es gerade zwei.Doch das könnte sich ändern, wenn die Deutsche Börse ihre Ankündigung wahr macht und ein eigenes Handelsplätzchen für Indexfonds einrichtet.Bis dahin müssen Anleger aber nicht warten, denn es gibt Alternativen: Indexzertifikate oder -partizipationsscheine.

Rein rechtlich handelt es sich dabei um zinslose Schuldverschreibungen, deren Kurs an einen bestimmten Index gekoppelt ist.Bei einem Daxstand von zum Beispiel 5100 Punkten zahlt der Anleger für ein Dax-Zertifikat 5100 Euros oder einen entsprechenden Bruchteil.Fällt der Index um 50 Punkte, geht auch der Kurs des Zertifikats um 50 Euro in den Keller - und umgekehrt.Damit solche Zertifikate auch für Kleinanleger erschwinglich sind, koppeln viele Emittenten ihre Papiere im Verhältnis 1 zu 10 oder 1 zu 100 an den Index.Entsprechend sinkt der Kurs eines solchen Zertifikats im Beispiel auf 510 beziehungsweise 51 Euro.Deutsche Anleger können mittlerweile aus rund 250 Zertifikaten wählen und sich damit fast alle wichtigen Weltbörsen ins Depot holen.

Dazu kommt eine Reihe von speziellen Konstruktionen, die sich an eigens kreierten Indizes orientieren.Merrill Lynch zum Beispiel ermittelt für eines seiner Zertifikate börsentäglich den Babax, der die Wertentwicklung ausgesuchter Unternehmen mit Sitz in Bayern und Baden-Württemberg mißt.Ein anderes Merrill-Lynch-Papier bündelt dagegen vier osteuropäische Börsen in einem Zertifikat.SGZ-Bank und Société Générale brachten Zertifikate auf den Markt, die auf einen Korb aus Internetaktien setzen - freilich auf jeweils unterschiedliche.Und die niederländische ABN tüftelte für ihr Zertifikat einen Mitarbeiter-Beteiligungs-Index aus, der rund 20 Unternehmen enthält, die ihre Angestellten in besonderer Weise am Unternehmen beteiligen.Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

Unabhängig davon, ob solche Investmentideen am Ende wirklich von Erfolg gekrönt sind, haben die Anleger in solche Exoten ein Problem: Anders als beim Dax oder Dow Jones, deren aktueller Kurs in jeder Tageszeitung steht, können sie die Wertentwicklung des "künstlichen" Index kaum nachvollziehen.Dazu kommt, daß solche Sonderkonstruktionen relativ teuer sind.In der Regel fallen die Dividenden bei der Indexberechnung unter den Tisch und in vielen Fällen kassiert die Bank oder der Broker zusätzlich eine jährliche Verwaltungsgebühr, die vom Indexstand "abgezogen" wird.Bei einem vorzeitigen Verkauf muß sich der Anleger außerdem auch noch einen Kursabschlag gefallen lassen.

Auch bei Zertifikaten auf Standardindizes ist allerdings Vorsicht angebracht.Für den Euro Stoxx-50 zum Beispiel gibt es Zertifikate in einer Kurs- und in einer Performancevariante.In Sachen Rendite ist der Unterschied beträchtlich.Performace-Indizes beziehen nämlich sämtlich anfallende Dividenden in die Berechnung mit ein.Bei einer Laufzeit von vier oder fünf Jahren macht das in der Endabrechnung leicht ein Plus von zehn bis zwölf Prozent gegenüber dem Kursindex aus.Zertifikate auf reine Performace-Indizes wie den Dax sind außerdem erste Wahl für steuersensible Anleger.

Das Bundesfinanzministerium hat im vergangenen Jahr klar geregelt, daß Kursgewinne von Indexzertifikaten steuerfrei sind, wenn der Anleger die Spekulationsfrist von (jetzt) einem Jahr einhält.Im Klartext: Bei Dax- und anderen Performace-Zertifikaten kassiert der Anleger die Dividenden steuerfrei.Das gilt aber nur für die Bardividenden.Aktiensparer, die ihrer Freibeträge nicht überschreiten, fahren deshalb mit einem Indexfonds besser, denn dabei können sie auch noch die Körperschaftssteuergutschrift einheimsen.Bei einem entsprechenden Freistellungsauftrag, gibt es die Steuergutschrift sogar bar im Rahmen der jährlichen Ausschuttüng.

Ein Nachteil der Zertifikate gegenüber den Indexfonds ist auch die begrenzte Laufzeit.Während Fonds unbegrenzt lange laufen, müssen sich Zertifikatsanleger in regelmäßigen Abständen Gedanken über die Wiederanlage ihres Geldes machen.Wenn der Emittent kein Nachfolgepapier anbietet oder die Laufzeit einseitig verlängert - was bei einigen Zertifikaten möglich ist -, kann die Suche nach einer passenden Alternative unter Umständen zum Problem werden.Allerdings ist der Markt noch vergleichsweise jung.Die Zahl der Emissionen steigt ständig und der Trend geht zu längeren Laufzeiten.Fünf bis zehn Jahre könnten in der Zukunft Standard sein.Dann haben Indexzertifikate gegenüber Indexfonds auch in punkto Kosten endgültig die Nase vorn.Anders als Fonds gibt es bei den meisten Zertifikaten nämlich weder Ausgabeaufschlag noch laufende Verwaltungskosten.Das macht sie vor allem für eine Anlage von drei bis fünf Jahren interessant.Durch die Kauf- und Verkaufsspesen bei der Wiederanlage geraten aber Zertifikate bei einer langen Anlagedauer ins Hintertreffen.

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