Wirtschaft : Die Gefahr steckt im System

Irak-Krieg und Terrorgefahr versetzen die Wirtschaft in Alarmbereitschaft – doch die totale Sicherheit kann niemand garantieren

Heike Jahberg/Henrik Mortsiefer

DER KRIEG UND DIE FOLGEN: WIE SICHER SIND WIR?

Der Schläfer arbeitet seit vielen Jahren im Frachtbereich des Flughafens. Die Kollegen schätzen ihn als freundlichen und hilfsbereiten Mitarbeiter. Er ist nicht als besonders radikal aufgefallen. Bis zu dem Tag, an dem er sich als Terrorist entpuppt. Doch da ist es zu spät: Die Bombe, die er gezündet hat, ist explodiert. – „Die größte Gefahr für die Unternehmen kommt nicht von außen“, sagt Berthold Stoppelkamp, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft e.V. (ASW). „Sie steckt im System.“ Gebäude lassen sich schützen, sensible Infrastruktur überwachen, doch die Enttarnung potenzieller Attentäter im eigenen Unternehmen ist fast unmöglich. Eine Sicherheitslücke? Die Sensibilität für mögliche Gefahren ist nach dem Kriegsbeginn im Irak wieder gestiegen. Die Sicherheitsbehörden haben ihre Schutzmaßnahmen ausgeweitet, vor allem die Luftfahrtgesellschaften sind in Alarmbereitschaft. Zwar haben schon nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 besonders gefährdete Branchen ihre Sicherheitsstandards erhöht. Doch die installierte Technik und das eingesetzte Security-Personal können die Bedrohung – zumal die von innen – nicht komplett ausschalten. „Die totale Sicherheit gibt es nicht“, sagt Berthold Stoppelkamp.

Allerdings sind 40 Prozent der Unternehmen laut ASW der Auffassung, dass sie in diesem Jahr mehr in ihre Sicherheit investieren müssen – zur Freude der 2700 Sicherheitsfirmen mit gut 140000 Mitarbeitern. „Die Nachfrage steigt, obwohl das Thema nicht plötzlich mit dem Irak-Krieg auf den Tisch kam“, sagt Martin Hildebrandt vom Bundesverband Deutscher Wach- und Sicherheitsunternehmen. Der Markt für Sicherheitsdienste wächst kontinuierlich: Annähernd vier Milliarden Euro Umsatz erzielte die Branche im vergangenen Jahr. Die Bewachung von Gebäuden und der Werkschutz machen drei Viertel des Geschäfts aus, der Rest verteilt sich auf Geld- und Werttransporte, Streifen- und Revierwachdienste und die Arbeit in Notrufzentralen.

Nachgefragt werden die Security-Dienste nicht nur von großen Unternehmen. „Die Größe ist nicht ausschlaggebend für die Frage, ob sich ein Unternehmen auf eine Katastrophe vorbereiten muss“, sagt Peter Höbel, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Crisadvice, die sich auf das Krisenmanagement spezialisiert hat. Der kleine Reiseveranstalter mit fünf Mitarbeitern, der eine Kreuzfahrt mit 2000 Gästen organisiere, sei genauso betroffen, wie der große Chemie-Konzern, sagt Höbel. Doch Krisenprävention ist nur eine Facette des neuen Sicherheitsdenkens. Was passiert, wenn der Schaden, etwa nach einem Terroranschlag, schon eingetreten ist?

In vielen Ländern Europas gibt es inzwischen Versicherungspools, die bei Anschlägen einspringen und Schäden bis zu einer bestimmten Höchstsumme begleichen. In Deutschland wird dieses Geschäft von dem im vergangenen Jahr gegründeten Terrorversicherer Extremus betrieben: Dabei zahlt die Versicherungswirtschaft maximal drei Milliarden Euro, der Staat haftet mit weiteren zehn Milliarden Euro. Eine weitergehende Inanspruchnahme ist ausgeschlossen. Das Interesse an den Terrorpolicen ist in der Wirtschaft jedoch nicht besonders groß. Nachdem das Geschäft im vergangenen Jahr sehr verhalten angelaufen war, hat Extremus nach eigenen Angaben inzwischen rund 900 Policen abgeschlossen. Man stehe kurz davor, kostendeckend zu arbeiten, sagte Vorstandsmitglied Dirk Harbrücker dem Tagesspiegel am Sonntag. Allerdings handele es sich um ein kontinuierliches Wachstum. Einen Boom durch den Irak-Krieg gebe es nicht. Der Krieg selbst gefährdet die Versicherer im Übrigen nicht: Kriegsbedingte Schäden sind nicht versichert, heißt es bei der Allianz.

Der Krieg ist für die Sicherheitsexperten auch nur ein Thema von vielen wie Chemieunfälle, Datenklau oder Spionage, sagt Berater Höbel. Doch der Krieg bannt alle Aufmerksamkeit. Manager, Mitarbeiter und die Öffentlichkeit fragen sich: Wie sicher sind wir wirklich?

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