Wirtschaft : „Die Gesellschaft snackt den ganzen Tag“

Verbraucherministerin Renate Künast über Genfood, geizige Konsumenten und dicke Kinder

-

Frau Künast, die Verbraucher laufen Sturm wegen der Praxisgebühr. Warum mischt sich die Verbraucherministerin nicht ein?

Es mag Ärger geben. Trotzdem: Angesichts der demografischen Entwicklung müssen wir ein System hinbekommen, das Patienten zunächst gezielt zum Hausarzt lenkt. Wir müssen vermeiden, dass das System nicht mehr finanzierbar ist. Die Praxisgebühr ist eine Möglichkeit.

Auch bei der Gentechnik fühlen sich Verbraucher von Ihnen im Stich gelassen. Gerade ist der Entwurf für das neue Gentechnik-Gesetz im Kabinett beschlossen worden. Dabei will die Mehrheit gar kein Genfood.

...aber heute isst sie es, ohne es zu wissen. Ich will Transparenz. Gentechnik findet doch längst statt. Argentinien baut nur noch Gensoja an, und die USA machen ungeheuren Druck, ihren Genmais international anzubieten, auch China ist eingestiegen. Das Tiermehlverbot nach der BSE-Krise hat dazu geführt, dass immer mehr Gensoja auf den europäischen Markt gekommen ist. Nur sieht das niemand dem Produkt an. Wenn wir nicht wollen, dass sich Genfood schleichend verbreitet, dann brauchen wir schleunigst Regeln.

Sie haben Gentechnik auf dem Acker immer abgelehnt. Sind Sie mit dem neuen Gesetz trotzdem zufrieden?

Ja, denn es gibt den Verbrauchern Wahlfreiheit und gewährleistet, dass auch künftig gentechnikfreier Anbau möglich ist. Die Regelungen zur Koexistenz und Haftung leisten genau das. Nur so können wir auch weiterhin ein gentechnikfreies Lebensmittelangebot in unseren Supermärkten haben, wenn die EU weitere Zulassungen erteilt.

Verbraucherschützer haben Ihr Gesetz stark kritisiert. Sie werfen Ihnen vor, dass eine ausreichende Kontrolle gar nicht möglich ist.

Es gibt eine Lebensmittelaufsicht, die wir quasi zusammen mit den Ländern betreiben. Die müssen wir ständig verbessern, keine Frage. Bisher haben wir im Wesentlichen untersucht, welche chemischen, verbotenen Rückstände in Lebensmitteln sind, zum Beispiel Antibiotika. Das Thema Gentechnik wird jetzt dort mitaufgenommen.

Wenn Genfood ab Herbst im Supermarktregal liegt, werden Verbraucher es dann kaufen?

Sie werden erstmals wissen, was in den Produkten drin ist, die sie längst kaufen. Alles Weitere halte ich für offen. Ich persönlich sehe jedenfalls keinen Zusatznutzen beim Genfood, weder für den Verbraucher noch für den Landwirt. 70 Prozent der Bauern sagen, sie wollen keine Gensaaten anbauen – und 70 Prozent der Verbraucher wollen kein Genfood essen. Auch der Handel ist skeptisch. Vielleicht ist im Herbst weniger Genfood im Regal als heute.

Werden Sie Genfood probieren?

Ich esse die Lebensmittel, die mir einen Zusatznutzen bringen.

Ist Genfood gefährlich?

Nach dem jetzigen Forschungsstand gibt es keinen Beweis dafür. Aber ich will, dass wir hier weiterforschen. Und das werden wir tun. Die Verbraucher sorgen sich zwar um Genfood, ansonsten scheren sie sich aber wenig um gesundes Essen.

Wie wollen Sie da die Bio-Landwirtschaft voranbringen?

Zwei Marktsektoren verzeichnen Zuwächse: das Billigsegment und das Biosegment. Letzteres unterstützen wir mit dem Aktionsprogramm Ökolandbau.

Ist Ihr Ziel von 20 Prozent Biolandwirtschaft bis 2010 noch realistisch?

Es ist schwieriger geworden. Der Nitrofen-Skandal hat dem Image der Ökolandwirtschaft zu Unrecht sehr geschadet. Seitdem verzeichnet der Bio-Sektor geringere Zuwachsraten, als möglich wären. Trotzdem ist der Weg ist richtig. Die Stellschrauben sind gesetzt, jetzt entscheiden Verbraucher und Landwirte.

Offensichtlich haben sich die Verbraucher für Aldi entschieden – und gegen die Biolandwirte. Vor einem Jahr haben Sie angekündigt, gegen Billig-Lebensmittel vorzugehen. Woran ist das gescheitert?

Ich kann und will keiner Firma die Preisgestaltung vorschreiben. Lebensmittel haben ihren Wert und dürfen nicht verramscht werden, das habe ich vor einem Jahr gesagt und stehe dazu. Ich kann über Produkte und über Ernährung aufklären. Und ich kann langfristig in das System der Herstellung eingreifen. Mit der Reform der EU-Agrarpolitik wird nicht mehr die Quantität, sondern die Qualität gefördert. Wir sind auf einem guten Weg.

Werden die Lebensmittel mit der Umsetzung der EU-Agrarreform teurer?

Das hängt von vielen Faktoren ab, aber in jedem Fall bekommt der Verbraucher eine gute Qualität für seine Steuergelder.

Will der Verbraucher das?

Der Verbraucher entscheidet beim Einkauf auch über die Art der Produktion, über Umweltschutz und darüber, wo die Arbeitsplätze in der Ernährungswirtschaft entstehen. Ich kann und will niemanden zwingen, aber jeder muss erkennen können, was er tut. Ich will, dass die Menschen wissen, was gesunde Ernährung ist. Kinder wissen das nicht mehr - jedes fünfte ist übergewichtig. Sie essen mehr verarbeitete Lebensmittel, Fett und Zucker und bewegen sich wenig. Die Gesellschaft snackt den ganzen Tag.

Wollen Sie der Industrie vorschreiben, wie viel Fett und Zucker Sie verwenden darf?

Die Nahrungsmittelindustrie verarbeitet lauter Zutaten, die erlaubt sind. Die könnte ich gar nicht verbieten, selbst wenn ich diesen abwegigen Gedanken verfolgen würde. Die Industrie wäre aber gut beraten, freiwillig neue Produkte zu entwickeln, die weniger Fett enthalten.

Amerikanische Wissenschaftler haben vorgeschlagen, eine Fett-Steuer einzuführen. Ist das eine Lösung?

Aber wo führt uns das hin? In den vergangenen Jahren hat es bei der Entwicklung von verarbeiteten Lebensmitteln und Fastfood eine verhängnisvolle Entwicklung gegeben. Sogar Schulen bieten Fastfood an. Diese Entwicklung müssen wir schon heute stoppen, damit wir nicht morgen Probleme haben, explodierende Krankenkassenbeiträge infolge ernährungsbedingter Krankheiten in den Griff zu kriegen.

Das Gespräch führten Maren Peters und Flora Wisdorff.

0 Kommentare

Neuester Kommentar