Wirtschaft : Die geteilte Frau

Die meisten Teilzeitkräfte sind weiblich. Noch immer kann das ihre berufliche Entwicklung bremsen.

von und Lara Sogorski
Foto: picture-alliance / dpa

Die Woche beginnt für Jenny Wieben wie immer entspannt. Denn die 36-Jährige Sozialversicherungsfachangestellte hat montags immer genügend Zeit: für nötige Erledigungen, um ihre beiden Kinder zu betreuen und zwei Stunden nur für sich. Dann macht sie Sport. Seit 1996 arbeitet Jenny Wieben bei der Barmer GEK, der größten gesetzlichen Krankenkasse in Deutschland. Seit 2006, als ihr Babyjahr zu Ende war, hat sie den Montag frei. An den restlichen Wochentagen arbeitet sie von 8.30 bis 14.30 Uhr. „Das ist der große Vorteil", sagt die berufstätige Mutter über ihr Teilzeitmodell, „am Montag kann ich alles kompensieren“.

Der Großteil der Teilzeitbeschäftigten ist nach wie vor weiblich. Der Hauptgrund in Teilzeit zu gehen ist den Beruf mit familiärer Betreuungs- und Pflegearbeit zu vereinen. Was vor allem daran liegt, dass sich viele Frauen ungern nur auf die Arbeit reduzieren lassen wollen. Für die meisten steht Familie und Kinder genauso an oberer Stelle. Die Zahl der Teilzeitarbeitenden steigt, im Jahr 2010 waren es fast 4,979 Millionen Frauen in Deutschland. Innerhalb der EU haben Frauen nur in den Niederlanden noch öfter Teilzeitjobs. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) geht davon aus, dass mittlerweile 46 Prozent aller weiblichen Erwerbstätigen keine Vollzeit-Stelle besetzen. Die meisten arbeiten unter 20 Stunden pro Woche. Dagegen definieren sich Männer in erster Linie klar über ihren Job. Kindererziehung spielt da bislang eher eine Nebenrolle: Nur zehn Prozent der erwerbstätigen Männer arbeiten in Teilzeit. Viele Frauen riskieren mit Teilzeitarbeit finanzielle Abhängigkeit gegenüber ihrem Partner und Armut im Fall einer Trennung oder später im Alter, wenn die eingezahlten Beiträge nicht für eine existenzsichernde Rente ausreichen. Bei der beruflichen Entwicklung sind Teilzeitkräfte häufig gebremst oder ausgebremst. Fakt ist laut WZB zum Beispiel, dass sie im Durchschnitt weniger Geld pro Stunde verdienen als ihre Vollzeit-Kollegen. Neben dem finanziellen Nachteil sei zudem ein Problem, dass viele Entscheider und Führungskräfte Teilzeit-Mitarbeiter weniger wohlwollend betrachten. „Teilzeit kann deshalb auch den Aufstieg gefährden", sagt Lena Hipp vom WZB.

Teilzeitkräfte sollten daher besonders genau ihre Rechte kennen – sie sind den Vollzeitangestellten in den meisten Bereichen gleichgestellt. Verhandeln mit dem Arbeitgeber, aber auch in der Familie ist angesagt. Martin Hensche ist Fachanwalt für Arbeitsrecht in Berlin und sieht die Aufstiegschancen von Teilzeitkräften skeptisch. Er empfiehlt die Arbeitszeit nur befristet auf eine bestimmte Zeit zu verkürzen. Wenn eine neue Vollzeitstelle ausgeschrieben wird, sind Unternehmen zwar verpflichtet, ihre Mitarbeiter in Teilzeit bei einer Bewerbung zu bevorzugen. „Dieser Anspruch ist praktisch nicht allzu viel wert", sagt Hensche. Von der Teilzeit wieder in die Vollzeit - häufig ist das gar nicht so einfach. Denn während Unternehmen seit 2001 den Wunsch nach reduzierter Arbeitszeit akzeptieren müssen, wenn keine besonderen betrieblichen Gründe dagegen sprechen, gibt es andersherum keinen Rechtsanspruch aufs Aufstocken – außer für Väter und Mütter, die während ihrer Elternzeit in Teilzeit gegangen sind.

Darum sollten Mitarbeiter dazu immer klare Absprachen mit dem Arbeitgeber treffen, wie lange sie in Teilzeit gehen wollen. „Das Mitarbeitergespräch ist das A und O“, sagt auch Martina Brokbals, die bei Barmer GEK in der Personalentwicklung arbeitet. Knapp ein Drittel der 15 000 Mitarbeiter sei in Teilzeit, der Großteil davon Frauen. Den Wechsel von einem Arbeitszeitmodell in ein anderes versteht sie aber als Chance, auch über die inhaltliche Ausrichtung und spätere berufliche Perspektiven nachzudenken. Entwicklung könne etwa in die Breite stattfinden, indem man zum Beispiel in einem anderen Fachbereich arbeitet.

Arbeitsrechtler Hensche rät, gut zu überlegen, in welchem Umfang man die Arbeitszeit verringern möchte. Bei einer Teilzeit von 30 oder 35 Wochenstunden laufe man Gefahr, die selbe Menge Arbeit für geringere Bezahlung zu erledigen. Eine gut eingearbeitete Teilzeitkraft arbeite schneller und orientiere sich oft auch unwillkürlich an ihrem bisherigen Vollzeit-Arbeitspensum. Deshalb ist wichtig auch die Verpflichtung von Überstunden im Vertrag über die Teilzeitarbeit zu limitieren und eine gesonderte Zahlung von Überstunden festzulegen.

Für bestimmte Lebensphasen sei Teilzeit eine gute Option, sagt Beraterin und Coach Petra Kather-Skibbe von der Beratungsstelle Kobra in Berlin. Langfristig müsse Teilzeitarbeit aber existenzsichernd sein. Wer ständig viel für sehr wenig Bezahlung arbeitet, verliert auch an Selbstbewusstsein, den weiteren beruflichen Weg zu gestalten. Das betrifft besonders Minijobber(siehe Kasten). Manche Teilzeitkräfte hätten das Gefühl „nur eine halbe Kraft" zu sein.

Jenny Wieben sieht das ganz bestimmt nicht so: „Ich bin stolz", antwortet sie auf die Frage, was der Umstieg auf ihr Teilzeit-Modell für sie verändert hat. „Nach sechs Stunden weiß ich, was ich getan habe", sagt sie, „und ich weiß auch, was zu Hause noch vor mir liegt: die zweite Schicht.“

Lesen Sie auf Seite K4, wie Unternehmen flexible Arbeitszeiten für Führungskrafte möglich machen

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