• Die Gewerkschaft will abspecken - bei Mitgliederschwund und leeren Kassen bleibt ihr auch nichts anderes übrig

Wirtschaft : Die Gewerkschaft will abspecken - bei Mitgliederschwund und leeren Kassen bleibt ihr auch nichts anderes übrig

Angesichts von Mitgliederschwund und sinkenden Einnahmen will sich die IG Bauen-Agrar-Umwelt einer radikalen Schlankheitskur unterziehen. Bei ihrem 4. Außerordentlichen Gewerkschaftstag am Freitag in Karlsruhe berieten die 393 Delegierten über einen Entschließungsantrag zur Neugliederung der drittgrößten Industriegewerkschaft. Mit einem Schlag soll die zweite Gewerkschaftsebene der zwölf Landesvorsitzenden abgeschafft und der Bundesvorstand aufgestockt werden. IG Bau-Chef Klaus Wiesehügel rief die Delegierten eindringlich zum Kurswechsel auf. "Wir stecken zweifellos in einer Krise", sagte er.

Vor allem im Bauhauptgewerbe - ihrem Kernbereich - registriert die IG Bau Mitgliederschwund: Über 400 000 Arbeitsplätze gingen allein hier in den vergangenen vier Jahren verloren. Die Baukrise, aber auch die Entsendearbeiter ausländischer Firmen machen der Gewerkschaft zu schaffen. Deshalb will sie sich auch stärker auf die anderen Branchen konzentrieren - vom Gebäudemanagement über die Wohnungswirtschaft bis zum Umweltschutz. Bundesbauminister Franz Müntefering (SPD) unterstrich vor den Delegierten die Notwendigkeit starker Gewerkschaften. Er versprach, die Regierung werde dafür sorgen, dass auf dem Bau der "ehrliche Bauunternehmer nicht der Dumme ist".

Die IG BAU zählt derzeit knapp 600 000 Mitglieder. Monat für Monat verliert sie jedoch etwa 3000 Gewerkschafter. Zudem sind mehr als 40 Prozent 50 Jahre und älter, ein Viertel sind Rentner. Junge Gewerkschafter machen dagegen nur zehn Prozent aus. 1991 zählte die IG BAU noch 790 000 Mitglieder. Derzeit kommen 80 Prozent aus dem Bauhauptgewerbe. Der Organisationsgrad liegt dort bei 40 Prozent, in den anderen Branchen ist er jedoch oft nur einstellig. In der Diskussion sahen die meisten Delegierten die Notwendigkeit einer Reform ein und sprachen sich für eine Abkehr von der "Rentnerorganisation" aus. Auf Kritik stieß jedoch das Vorhaben, den Mitgliedsbeitrag der Rentner von jetzt etwa neun DM im Monat auf bis zu 15 DM anzuheben. Die Gewerkschaft versuche sich damit auf Kosten der Rentner zu sanieren und werde noch mehr Mitglieder verlieren, lauteten Befürchtungen.

Mit der Reform soll die Zahl der Vorstandsmitglieder von sieben auf elf steigen. Davon werden sich acht um die jeweiligen Branchen kümmern. Laut Wiesehügel kommt es darauf an, dass innerhalb der einzelnen Bereiche die Tarif-, Betriebs- und Gesellschaftspolitik aufeinander abgestimmt werden. Die Reform hat eine größere Flexibilität und Effizienz zum Ziel.

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