Wirtschaft : Die Gewerkschaften sterben langsam (Meinung)

Ursula Weidenfeld

Die IG Bau gibt sich eine neue Struktur. Die Nachricht an sich ist zwar nicht besonders spektakulär. Die Hintergründe aber sind es: Die Gewerkschaften sterben. Wie die Baugewerkschaft verlieren auch die anderen Arbeitnehmerorganisationen dramatisch Mitglieder. Wie die Bauleute haben die Metaller, die Dienstleister und Nahrungsmittelhersteller riesige Probleme, die Tarifverträge durchzusetzen. Wie bei der IG Bau sind auch bei den anderen Gewerkschaften ein großer Teil der Mitglieder Senioren, die ihr Berufsleben längst hinter sich haben.

Die Gewerkschaften lösen sich auf, ziehen sich aus der Fläche zurück, fahren einen harten Sanierungskurs (den sie vermutlich mit lauten Protestaktionen begleiten würden, geschähe er in einem Privatunternehmen). Viele, wie die Dienstleistungsgewerkschaften, suchen ihr Heil in Großfusionen. Andere, wie die Gewerkschaft Holz und Kunststoff oder die IG Textil, werfen sich in die Arme der IG Metall. Helfen wird es kaum: Immer noch haben die Gewerkschaften kein Rezept gefunden, junge Menschen, hochqualifizierte Beschäftigte, neue Branchen für sich zu begeistern. Immer noch nehmen sie nicht zur Kenntnis, dass Arbeitnehmer vor allem Service, Rechtsschutz und individuelle Beratung wollen, wenn sie sich schon für ein Gewerkschaftsbuch entscheiden - und auf die martialischen Gesten der Arbeiterführer gut verzichten könnten. Auch wenn die deutschen Gewerkschaften immer noch die mächtigsten Arbeitnehmerorganisationen der Welt sind: Über kurz oder lang werden auch sie sich damit abfinden müssen, dass die Tarifpolitik symbolischen Charakter bekommt. Und dass die vernünftigste Politik eine ist, die neue Arbeitsplätze schafft. Nur so wachsen auch potenzielle Mitglieder nach.

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