Wirtschaft : Die glänzende Bilanz weckt Begehrlichkeiten (Kommentar)

Henrik Mortsiefer

Schering glänzt. Nicht nur am Standort Berlin, wo milliardenschwere Konzerne rar geworden sind, sondern vor allem über die Region hinaus. Die am Mittwoch präsentierte Neun-Monats-Bilanz und der unerwartet optimistische Ausblick bis ins Jahr 2005 zeigen, dass die vom Vorstand ausgerufene "Powerstrategie" wirkt. Schering hat seine Marktführerschaft bei Diagnostika ausgebaut und ist auf den Schlüsselmärkten präsent. In Asien etwa hat sich der Konzern als krisenfest erwiesen und kann nun die Früchte ernten. Alles andere wäre auch fatal. Denn Schering kann sich mit Blick auf das Fusionsfieber, das in der Pharma-Branche ausgebrochen ist und immer mächtigere Konglomerate entstehen lässt, keine strategischen Schwächen erlauben. Die Berliner bleiben weltweit bei Multiple-Sklerose-Präparaten, Verhütungs- und Röntgenkontrastmitteln ungeschlagen. Verglichen mit den Giganten der Branche kann sich Schering aber keineswegs sicher fühlen. Mit Unbehagen beobachtet Konzernchef Guiseppe Vita deshalb den niedrigen Börsenwert des Unternehmens, der im krassen Missverhältnis zum mehr als soliden Umsatz- und Ertragswachstum steht. Das Aktienrückkauf-Programm, das seit einem Jahr läuft und der Kurspflege dienen soll, hat daran bisher wenig geändert. Was sind knapp acht Milliarden Euro, wenn - wie im Falle des US-Pharmaanbieters Warner-Lambert - selbst ein Börsenwert von 80 Milliarden Euro Kaufinteressenten wie Pfizer nicht abschreckt? Anleger mag der niedrige Schering-Kurs angesichts der am Mittwoch entworfenen Zukunftsszenarien auf eine gute Investment-Idee bringen. Schering steckt freilich in einem Dilemma: Je schöner sich der Konzern für die Börse macht, desto attraktiver wird er auch als Übernahmekandidat.

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