Wirtschaft : Die Grenzen des Wachstums

Das Geschäft mit SMS ist ausgereizt – mit ähnlich erfolgreichen Nachfolgern tun sich Mobilfunkanbieter schwer

Corinna Visser

Es ist eine der Erfolgsgeschichten im Mobilfunk. Die kleinen elektronischen Textbotschaften per Handy – kurz SMS genannt – sind zu einem großen Geschäft geworden. In diesem Jahr werden in Westeuropa rund 135 Milliarden SMS durch die Netze geschickt, allein 28 Milliarden davon in Deutschland, prognostiziert das Marktforschungsunternehmen Gartner. Doch die Zeiten des rasanten Wachstums im SMS-Verkehr sind vorbei – da ist sich die Branche mit den Beobachtern einig. Die Analysten von Forrester Research gegen sogar davon aus, dass bei tendenziell fallenden Preisen der Umsatz mit SMS ab dem kommenden Jahr schrumpfen könnte, Gartner erwartet dies ab dem Jahr 2006.

Wachstum im mobilen Datenverkehr und damit neue Umsätze müssten andere Dienste bringen. Zu den Hoffnungsträgern gehören MMS, die um Bilder und Töne erweiterten elektronischen Botschaften. Um sie anbieten zu können, haben die Netzbetreiber noch einmal kräftig in die bestehende Technik investiert – zusätzlich zu den Milliarden-Investitionen in die neuen Mobilfunknetze der nächsten Generation (UMTS). Die Ausgaben machen wirtschaftlich erst Sinn, wenn Kunden Geschmack an noch umfangreicheren Datendiensten wie etwa Videotelefonie gefunden haben. Doch bisher sind die Kunden noch weit davon entfernt, auch nur Fotos massenhaft über die Netze zu senden.

Zum Vergleich: Im Netz von Deutschlands größtem Anbieter T-Mobile (25 Millionen Kunden) werden in guten Monaten etwa eine Milliarde SMS verschickt. Für August nannte T-Mobile eine Zahl von deutlich über einer Million MMS pro Monat. Die Wachstumsraten von Monat zu Monat seien signifikant, heißt es bei T-Mobile. Aber die Basis ist eben noch gering. Vodafone (23 Millionen Kunden) will noch gar keine Zahlen nennen.

Betreiber wie T-Mobile oder Vodafone erwirtschaften aktuell etwa 15 bis 16 Prozent ihrer Umsätze mit dem Transport von Daten – das sind fast ausschließlich SMS. In Deutschland machte das bei Vodafone im vergangenen Geschäftsjahr rund eine Milliarde Euro aus. SMS sind so beliebt, weil sie einfach zu verstehen und einfach zu nutzen sind. Doch auch der Erfolg von SMS hat viele Jahre auf sich warten lassen.

Beim Start von MMS im Sommer 2002 klappte weder der Versand einer MMS von einem Netz ins andere, noch zwischen den Modellen verschiedener Hersteller. Auch wenn diese Probleme weitgehend überwunden sind, gilt für MMS und andere Datendienste: „Hier geht es nicht um Dinge, die der Kunde schon immer haben wollte“, sagt Unternehmensberater Roman Friedrich von Booz Allen Hamilton. „Die Übermittlung von Sprache ist ein Produkt, dass Sie niemandem erklären müssen. Für Datendienste muss man erst einen Markt schaffen.“ Friedrich sieht die Mobilfunkbranche am Anfang einer neuen Wachstumsphase.

Immerhin liegen nun genügend MMS-fähige Handys verschiedener Preisklassen in den Läden. Farbige Bildschirme, integrierte Kameras sind gute Verkaufsargumente im kommenden Weihnachtsgeschäft. Die Analysten von Gartner erwarten, dass Ende kommenden Jahres 20 Prozent der Mobilfunknutzer in Westeuropa über MMS-fähige Endgeräte verfügen werden. Das heißt aber noch nicht, dass sie diese Funktion auch nutzen. Ein deutliches Wachstum bei der Nutzung und damit auch bei den Umsätzen erwarten die Analysten erst, wenn 30 bis 35 Prozent der Kunden ein MMS-fähiges Gerät haben, etwa ab 2005. In der Zwischenzeit bleibt ein Großteil der teuer aufgebauten Kapazitäten in den Netzen ungenutzt. Zwar entwickeln die Unternehmen neben MMS noch eine Vielzahl andere Datendienste – allerdings für weitaus kleinere Zielgruppen.

Auch heute schon gibt es ein großes Angebot an MMS-basierten Infodiensten – es sei deutlich größer als die Nachfrage, sagt Michael Bartz, Strategieberater bei Cap Gemini Ernst &Young. Kunden und Unternehmen befinden sich noch in einer Lernphase, sagt Bartz. Ein Lernziel sei, den richtigen Preis für die neuen Datendienste zu finden. Heute kostet eine MMS 39 Cent, eine SMS dagegen 19 Cent oder weniger. In Deutschland traut Bartz vor allem dem drittgrößten Anbieter E-Plus zu, mit aggressiveren Preisen dem Markt mehr Schwung zu verleihen. Am Ende werde jedoch nicht der Preis entscheidend sein, „sondern dass die Produkte einfach zu bedienen sind und Spaß machen“.

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