Wirtschaft : Die größte Baustelle Europas

Eine riesige Brücke soll die Fahrzeit von Deutschland nach Dänemark verkürzen – das Projekt ist umstritten.

Carsten Brönstrup
Brücke
Auto statt Fähre. Der Staatsvertrag für die Brücke über den Fehmarn-Belt wir heute unterzeichnet. (Computergrafik) -Foto: ddp

Berlin/Puttgarden - Es ist die beinahe perfekte Idylle. Das kleine Dorf mit den mächtigen roten Bauernhäusern sonnt sich zwischen üppigen Korn- und Rapsfeldern, selten nur stört ein rumpelnder Traktor oder Möwengeschrei die Ruhe. Die Ostsee liegt nur zwei Steinwürfe entfernt. Doch Puttgarden, dem nördlichsten Ort der Insel Fehmarn, stehen unruhige Zeiten bevor. „Warum sollten die Touristen noch zu uns kommen, wenn erst die große Brücke steht?“, sorgt sich Elisabeth Rauert. „Die Küste ist lang, niemand ist auf Fehmarn angewiesen.“

Die Brücke, das ist die Fehmarnbelt-Querung, die ab 2018 Deutschland und Dänemark verbinden soll. Elisabeth Rauerts Ferien-Bauernhof steht nur wenige hundert Meter von der wahrscheinlichen Trasse entfernt. „Wir werden jahrelang die größte Baustelle Europas hier haben – und danach eine Menge Lärm“, befürchtet sie. „Keine schönen Aussichten.“

Wolfgang Tiefensee (SPD) und seine dänische Amtskollegin Carina Christensen sehen das anders. Am heutigen Mittwoch wollen sie in Kopenhagen den Staatsvertrag für die Errichtung der Brücke unterzeichnen. Es wird ein Bauwerk der Superlative: Mit 19 Kilometern Länge soll sie die größte in Europa werden und das dänische Rødby mit Puttgarden verbinden. Mehr als 70 Pfeiler müssen dazu in den Meeresgrund gerammt werden, es soll vier Autospuren und zwei Bahngleise geben. Die Reisezeit zwischen Hamburg und Kopenhagen wird sich von viereinhalb auf dreieinhalb Stunden verkürzen.

Die Begeisterung für das Vorhaben ist ungleich verteilt – wegen des für die Bundesrepublik geringen Nutzens zogen sich die Verhandlungen über 15 Jahre hin. Nun schultern die Dänen einen Großteil der Kosten: 4,8 der 5,6 Milliarden Euro will Kopenhagen übernehmen. Aufbringen soll es das Geld privater Investoren, die staatliche Garantien bekommen, sowie die EU. Mit Hilfe einer Maut soll sich das Vorhaben nach etlichen Jahren dann rechnen. Deutschland muss nur 840 Millionen Euro für den Ausbau von Straßen und Schienen zur Brücke aufbringen.

Auch in Norddeutschland gibt es Freunde der Brücke. Schleswig-Holstein werde dadurch zur „Drehscheibe zwischen den Wirtschaftsmetropolen Kopenhagen/Malmö und Hamburg“, hofft etwa Landes-Wirtschaftsminister Werner Marnette. Auf 2000 Stellen allein in der siebenjährigen Bauzeit ab 2011 hofft man in Kiel. Andere sehen die Belt-Brücke kritisch. Als „bekloppte Idee“ hat sie einmal Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) bezeichnet. „Wir wollen sie nicht, und wir brauchen sie auch nicht“, sagte auch Mecklenburg-Vorpommerns Verkehrsminister Otto Ebnet (SPD) dem Tagesspiegel. Hintergrund: Viele im Nordosten befürchten, dass die nach der Wende für viel Geld modernisierten Häfen Rostock, Stralsund, Sassnitz und Wismar durch die Brücke Einbußen erleiden könnten. Zudem könnten die Ostsee- Fährgesellschaften Probleme bekommen. „Das würde uns beim Wachstum der Häfen eine Jahresscheibe kosten“, heißt es in Schweriner Regierungskreisen. Dennoch werde die umgeschlagene Gütermenge bis 2025 von heute 40 auf dann 70 Millionen Tonnen zunehmen.

Doch wenn Diesel teurer wird, auch Autos womöglich bald eine Maut zahlen müssen und die Reeder der Fähren einen Preiskampf anzetteln, lohnt sich der Weg über die Brücke womöglich nicht mehr. „Pro Tag werden sie nicht einmal 10 000 Fahrzeuge benutzen – soll die Maut kostendeckend sein, müsste sie bei 250 bis 270 Euro liegen“, rechnet Ulrich Bauermeister vor. Er ist Geschäftsführer der Rostocker Hafengesellschaft. „Damit ist die Brücke nicht wettbewerbsfähig – es sei denn, Dänemark subventioniert sie.“

Auch Umweltschützer melden Bedenken an. Die Belt-Querung sei ein „typisches Projekt des Kalten Krieges“, findet Michael Cramer, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Europa-Parlament. Viel wichtiger sei es, die Verkehrsachsen nach Osteuropa auszubauen. „Das milliardenschwere Irrsinns-Projekt ist mit Blick auf den Klimawandel und aus Gründen des Natur- und Artenschutzes riskant“, sagt auch Leif Miller, Geschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland. Vögel und Schweinswale könnten Schaden nehmen und die Strömung im Belt durch die Pfeiler beeinträchtigt werden. Man werde die Brücke „mit allen juristischen Mitteln verhindern“, kündigte er an. Er hofft bei den Parlamentariern, die dem Projekt noch zustimmen müssen, noch auf einen Meinungswandel. Miller: „Wer jetzt behauptet, die Brücke wird gebaut, greift der parlamentarischen Entscheidung vor und verhält sich damit höchst undemokratisch.“

Auch Elisabeth Rauert aus Puttgarden hofft, dass es sich die Politiker doch noch einmal überlegen. „Sonst kommen bald nur noch die paar Gäste, die sich für den Bau interessieren“, glaubt sie. „Dann bleibt uns nur noch die Landwirtschaft.“

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