Wirtschaft : Die Großen der Branche gehen in die Offensive

PETER BRORS (HB)

Autohersteller runden ihre Produktpaletten ab / Wenige Herstellergruppen werden überleben / Jede Menge ÜbernahmekandidatenVON PETER BRORS (HB) DÜSSELDORF.Pfiffige Cabrios und edle Geländewagen, schwere Limousinen und praktische Kombis, dazu Nutzfahrzeuge aller Art: Die weltweit führenden Autobauer setzen derzeit alles daran, ihr Produktspektrum auszudehnen.BMW übernimmt wohl Rolls-Royce und sichert sich damit seinen Platz im Luxussegment.VW ist offenbar an einem Engagement beim Lkw-Hersteller Scania interessiert, um das eigene Nutzfahrzeugprogramm abzurunden.Und jetzt stärkt Daimler-Benz mit Chrysler seine Position vor allem auf dem wichtigen nordamerikanischen Markt erheblich.Kein Zweifel, die Großen der Branche gehen in die Offensive.Um auf lange Sicht nicht in kleine Nischenmärkte abgedrängt zu werden, schließen sie sich zusammen oder sichern mit Zukäufen ihre Positionen im Markt ab.Und: Sie versuchen in den künftigen Wachstumsmärkten der Autoindustrie, also in Asien und Süd-Amerika, den starken japanischen Rivalen (Toyota, Mitsubishi, Nissan) als zumindest gleichwertige Konkurrenten mit einer breiten Produktpalette und einem üppigen Vetriebsnetz entgegenzutreten.In diesem immer härter werdenden Wettbewerb haben in den vergangenen Jahren schon etliche renommierte Hersteller aufgeben müssen: Jaguar und Aston Martin wurden von Ford übernommen, Rover gehört inzwischen zu BMW, genauso wie Saab zu General Motors und Lancia zu Fiat.Schon früh mischte auch VW bei Akquisitionen mit: Audi wurde 1966 von den Wolfsburgern geschluckt, Seat 1986 und Skoda 1990.Hinzu kommen eine Reihe von Unternehmen, die in einer Art Scheinselbständigkeit weiter Autos herstellen, längst aber zum Einflußbereich größerer Konkurrenten gehören.So ist Mazda inzwischen zu einer Filiale von Ford degeneriert, Daihatsu produziert für Toyota, und bei Isuzu fallen keine wichtigen Entscheidungen, ohne nicht vorher in Detroit bei General Motors nachgefragt zu haben.Ansonsten haben sich die japanischen Hersteller mit Übernahmen und Fusionen bisher zurückgehalten.Sie vertrauen noch immer den eigenen Stärken.Noch.Denn Branchenkenner rechnen damit, daß die nächste Fusionswelle innerhalb der Autobranche mit Beteiligung der asiatischen Firmen ablaufen werde.Weitere Übernahmekandidaten sind noch reichlich auf dem Weltmarkt vorhanden: etwa die koreanische Kia-Gruppe oder die schwedische Renommiermarke Volvo, deren angestrebte Fusion mit Renault vor einigen Jahren nach zähen Verhandlungen nicht zustande kam.Sie alle sind nach Meinung von Experten zu klein, um die Anforderungen der zunehmenden Globalisierung auf dem weltweiten Automarkt vernünftig zu meistern."Gerade in der Automobilindustrie besteht in immer stärkerem Ausmaß die Notwendigkeit zu weltweiter Präsenz", hatte Mercedes-Benz erst auf der vergangenen IAA verlauten lassen.Um die Herausforderungen zu bestehen, genüge es nicht, dem Vertrieb eine globale Struktur zu geben.Vielmehr müsse die Gesamtheit der unternehmerischen Wertschöpfung, also Forschung und Entwicklung, Einkauf, Produktion und Personalpolitik, global ausgerichtet werden.Mithin eine kaum lösbare Aufgabe für einen Autohersteller, der vielleicht im eigenen Land ordentliche Absatzzahlen erreicht, auf dem Weltmarkt aber keine entscheidende Rolle spielt.Schon rechnen Experten damit, daß in einigen Jahren nur noch wenige Herstellergruppen, wie etwa der VW-Konzern mit den Marken Audi, Skoda und Seat, überleben werden, die weltweit produzieren und verkaufen und dabei in der Lage sind, die gesamte Palette vom Lastwagen bis hin zum Sportwagen anzubieten.Ein weiterer Grund für die zunehmende Zahl der Fusionen und Übernahmen in der Autobranche könnte auf dem Gebiet der Produktentwicklung zu finden sein.Denn zu lange hat es in der Vergangenheit nach den Ergebnissen einer Studie der international tätigen Unternehmensberatung Deloitte Consulting gedauert, bis ein neues Modell den Weg aus den Köpfen der Ingenieure zu den Fließbändern in den Fabriken und also auf die Märkte zurückgelegt hat.Waren Ende der 80er Jahre noch Entwicklungszeiten von fünf bis sechs Jahren für neue Autos üblich, gelten inzwischen drei Jahre in der Branche als Standard.Derzeit peilen die Unternehmen die neue Höchst-Marke von 24 Monaten an.Und das könne, so die Aussage der Berater, nur mit Hilfe von Synergien erreicht werden.Möglich wurde die Verkürzung der Entwicklungszeit unter anderem auch durch das sogenannte Plattform-Konzept, bei dem in verschiedenen Modellen vermehrt baugleiche Teile eingesetzt werden.VW setzt dieses Produktionsverfahren konsequent in der Kompaktklasse um, und das bei fast allen Marken des gesamten Konzerns: So sind VW Golf, Audi A3 und Skoda Octavia vom Grundsatz her schon seit einiger Zeit nahezu identische Autos, nur das Äußere der einzelnen Modelle unterscheidet sich noch ein wenig.

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