Wirtschaft : Die Großen verlassen den Dax

Henrik Mortsiefer

Wenn es eines Beweises für die Gültigkeit alter Börsenregeln bedurft hätte, hätte der Mai genügend Gelegenheiten geboten. „Sell in May and go away!“ (Verkaufe im Mai, und hau ab) – diesen Rat nahmen sich viele Anleger Mitte des Monats zu Herzen. Allein am 17. Mai verlor der Dax an einem Tag 3,4 Prozent oder 200 Punkte. Fünf Tage später ging es erneut an einem Handelstag kräftig nach unten. Zwischenzeitlich rutschte der Index auf ein Tief von 5546 Zählern. Dort hatte er zuletzt 2001 notiert. Binnen eines Monats hat der Dax 5,7 Prozent eingebüßt. Zum Vergleich: An der US-Börse sank der Dow-Jones-Index nur um 2,5 Prozent. Noch härter traf es die deutschen Technologiewerte. Der Tec-Dax sackte um elf Prozent ab. Insgesamt zeigt sich, dass die deutschen Märkte wie schon in der Vergangenheit zu Übertreibungen neigen – nach oben und nach unten.

Vor allem große, institutionelle Investoren aus dem Ausland, die den Dax in den Monaten zuvor mit Aktienkäufen nach oben getrieben hatten, stiegen im Mai aus. Sie ließen sich von Konjunktur- und Preisdaten aus den USA vertreiben, die eine Verlangsamung des Wachstums bei gleichzeitig steigender Inflation andeuteten. Dies weckt bei den Investoren die Angst, dass die US-Notenbank die Zinsen weiter erhöhen könnte. Das macht Aktien im Vergleich zu Festverzinslichen unattraktiv. Mit dem Ausstieg der Großen ist bei den kleinen Privatanlegern die Unsicherheit gewachsen, ob die Talfahrt an den Börsen weitergeht – oder ob deutsche Aktien jetzt erst recht günstig bewertet sind. Ein Argument, mit dem Banken seit Jahresanfang für den Kauf von heimischen Wertpapieren geworben hatten. Der Tenor der Empfehlungen für die Mutigen lautet: Kräftige Kursrückschläge nutzen, um neu in den Markt einzusteigen. Die Vorsichtigen sollten sich hingegen Zeit lassen – und sich überlegen, kräftige Kursanstiege zur Realisierung von Kursgewinnen zu nutzen.

Der Blick auf die Mai-Bilanz der 30 Dax-Werte dürfte Anleger eher entmutigen: 28 Aktien lagen im Monatsvergleich im Minus, nur Schering (plus 0,3 Prozent) und Thyssen-Krupp (plus 1,4 Prozent) fielen positiv auf. Schering profitiert noch von der bevorstehenden Übernahme durch den Bayer-Konzern, dessen Aktie im Mai moderat um 4,6 Prozent nachgab. Thyssen-Krupp freut sich über die Aufmerksamkeit, die die Stahlbranche seit dem Übernahmepoker um Arcelor genießt. Ans Ende der Dax-Liste rutschte die Deutsche Börse (minus 12,6 Prozent), die bei ihrem Versuch, mit der Vierländer-Börse Euronext zusammenzugehen,von der New York Stock Exchange ausgestochen wurde. Auch die Telekom-Aktie verlor auffallend viel (12,4 Prozent). Der im scharfen Wettbewerb um Telefon-Kunden stehende Konzern musste zuletzt im Tarifstreit mit Verdi um eine Einigung ringen.

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