Wirtschaft : DIE GRÜNDER DER BUNDESREPUBLIK - Nähen in der Höhle des Löwen

VANESSA LIERTZ

Eine Ära geht zu Ende.50 Jahre ist die D-Mark alt, Symbol für wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik.Nun macht die D-Mark dem Euro Platz.Was ist aus den Unternehmen der Wirtschaftswunderjahre geworden, wie haben sie den Generationswechsel bewältigt? Diese Serie stellt einige von ihnen in lockerer Folge vor.



"Nur einen großen Auftrag!" Das wünscht sich Friedrich Wilhelm Brinkmann von morgens bis abends.Schon Monate sind er und seine Frau Margot dafür in ihrem alten Opel quer durch Deutschland gefahren.Was tun?, fragt sich der Westfale, während sie durch die Hamburger Mönckebergstraße steuern, vorbei an dem imposanten Gebäude des C&A-Kaufhauses.Da weiß er es."Halt mal an", sagt er."Jetzt gehe ich in die Höhle des Löwen." Seine Frau wartet.Zehn Minuten, eine halbe Stunde - je mehr Zeit verstreicht, desto sicherer weiß sie: "Wir haben es geschafft!" Mit diesem Großauftrag - 600 Wintermäntel, Lieferfrist acht Wochen - beginnt im Jahre 1948 die Erfolgsgeschichte des Herforder Herrenmodeunternehmens, heute einer der größten Bekleidungshersteller Deutschlands.

Der Betrieb ist mittlerweile zu einer 1300-Mitarbeiter-Holding mit einem Jahresumsatz von 370 Mill.DM herangewachsen.Nach dem Tod des Vaters 1994 übernahmen die beiden Söhne, Wolfgang und Klaus, die Leitung.Produziert wird heute auch unter bekannten Marken wie Wilvorst, Otto Kern, Burberry und Bugatti (nicht zu verwechseln mit der Automarke), vieles allerdings erst seit die jungen Brinkmänner im Chefsessel sitzen.Den Erfolg ihres Mannes begründet Margot Brinkmann so: kaufmännisches Talent, eiserner Wille und Kontaktfreudigkeit - "er hätte selbst mit dem Kaiser von China geredet, wenn er ihm begegnet wäre".Freilich, Mäntel verheißen in der unmittelbaren Nachkriegszeit gute Geschäfte: Die Winter sind kalt, viele Kleiderfabriken zerstört.Auf diese Chance setzt Brinkmann, als er im westfälischen Löhne eine Firma gründet, um Mäntel zu produzieren.Zu der Zeit, erinnert sich Margot Brinkmann, sei es ebenso schwer gewesen Aufträge zu bekommen, wie Stoffe zu besorgen."Auch dafür fuhren wir quer durch die Republik."

Bald kann Brinkmann Kontakte zu ausländischen Kunden zu knüpfen, obwohl etwa Holländer und Franzosen nach dem Krieg gegenüber den Deutschen besondere Vorbehalte haben.Schon in den fünfziger Jahren beginnt er mit dem Export - und erzielt bald 14 Prozent des Umsatzes im Ausland, weit mehr als branchenüblich.Das Gebäude in Löhne wird schnell zu klein.Mit 260 Mitarbeitern zieht Brinkmann 1953 nach Herford.1961 gründet er einen Betrieb im italienischen Pergine bei Trento, um dort Mäntel für den italienischen Markt herzustellen.Bis heute ist Italien das wichtigste Exportland für die Gruppe.

Brinkmann kauft Unternehmen hinzu, die er saniert: die Frankfurter Firma Petrykowsky & Fritz, die er in die Rödermark verlagert und zu einem Spezialisten von Lederbekleidung macht, die Wilhelm Blicker Spezial-Herrenmantelfabrik in Karlsruhe und die Odermark-Bekleidungswerke in Goslar, eine Anzug-Fabrik.Im Jahr 1979 legt sich Brinkmann zudem den Markennamen Bugatti zu, der dem Unternehmen bis heute schöne Renditen beschert - allerdings nicht in Italien: Dort streiten die Herforder noch immer mit dem gleichnamigen Autohersteller um die Markenrechte.

Die Tradition des Familienbetriebs wird dennoch hochgehalten."Mein Vater kannte jeden Mitarbeiter mit Namen", sagt Wolfgang Brinkmann.Das sei für ihn "vorbildlich gewesen".Auch der anderen Maxime des Vaters, nur Männermode herzustellen, sind die Söhne treu geblieben.Eine Eskapade haben sie sich allerdings noch zu Lebzeiten des Vaters geleistet: Den Kauf des Reitermode-Herstellers Pikeur im Jahr 1990, den sie aber bis jetzt nicht bereut haben.Das einst marode Unternehmen ist heute die Nummer Eins auf dem Weltmarkt für edle Reitklamotten.Das mag auch an dem besonderen Verständnis der Söhne für den Reitsport liegen - Wolfgang Brinkmann war 1986 Mannschafts-Olympiasieger in Seoul.

Die Ära der günstigen Unternehmenskäufe ist aber nun ebenso vorbei wie die schwerer Nachkriegsmäntel.Kaufen wollten sie, sagt Klaus Brinkmann, aber nur noch, was sich bereits auf dem Markt behauptet habe, "denn der ist schon überversorgt".Zur Zeit suchen sie einen Hosenhersteller, auch ein Sportswear-Produzent könnte ihnen noch gut stehen.Nie mehr aber wollen die beiden Söhne in Abhängigkeit eines Großeinkäufers geraten, weil sie erlebt haben, wie sich ihr Vater manchmal die Preise von C&A diktieren lassen mußte.Klaus Brinkmann sieht es deshalb in nächster Zeit als große Herausforderung für die Kleiderhersteller an, sich gegen die Macht der Einkäufer zu verbünden, zumal die Fusionitis im Handel weiterhin grassiere.Der Löwe lauert also noch immer in seiner Höhle.

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