Wirtschaft : Die Gründerwelle bei deutschen Firmen hält weiter an

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FRANKFURT. Die junge deutsche Biotechnologie-Industrie expandiert weiterhin stark. Gleichzeitig wächst in der Branche jedoch die Sorge vor neuen Hürden auf dem Gebiet der "grünen Gentechnik".

Diese zwiespältige Bilanz zog gestern die Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie (DIB), ein Fachverband innerhalb des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Die Entwicklung der kleinen hochinnovativen Biotech-Firmen in Deutschland verlaufe weiterhin mit großer Dynamik, und vor allem die Gründerwelle halte an, konstatierte DIB-Vorsitzender und Bayer-Vorstand Pol Bamelis.

Einer gemeinsamen Studie von DIB und Schitag Ernst & Young zufolge waren 1998 insgesamt 222 kleineUnternehmen mit Hauptaktivität in der Biotechnik in Deutschland aktiv. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das einen Zuwachs von rund 30%. Der Umsatz dieser Unternehmen legte laut DIB um 39% auf 800 Mill. DM, die F+E-Ausgaben um 77% auf rund 500 Mill. DM zu. Nicht enthalten in diesen Zahlen sind die Aktivitäten der großen Pharma- und Chemiekonzerne, die ebenfalls umfangreiche Aktivitäten in der Biotechnologie verfolgen.

Die Gründerwelle dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, warnte Bamelis, "daß wir immer noch erheblichen Nachholbedarf gegenüber anderen Ländern haben, insbesondere den USA". Die dortige Biotech-Industrie erwirtschaftete 1998 mit 1300 Unternehmen und rund 153000 Beschäftigten Erlöse von fast 31 Mrd. DM. Auch im europäischen Vergleich macht sich der relativ späte Start der deutschen Biotech-Unternehmen noch bemerkbar. Zwar sind laut DIB rund 19% aller europäischen Biotech-Unternehmen in Deutschland beheimatet. Diese erwirtschaften aber lediglich 11% der Umsätze und erbringen auch nur 11% der F+E-Ausgaben auf diesem Gebiet.

Als besonders problematisch bewertet Bamelis vor diesem Hintergrund die aktuelle Auseinandersetzungen um die Zulassung von gentechnisch modifizierten Pflanzen in Europa. Eine kritische öffentliche Diskussion über die "grüne Gentechnik" und der Widerstand einzelner EU-Mitgliedsstaaten haben inzwischen dazu geführt, daß seit mehr als einem Jahr keine Zulassungen mehr für gentechnisch veränderte Pflanzen in Europa erteilt wurden. Dieses Moratorium könnte sich, wie Bamelis fürchtet, noch über mehrere Jahre fortsetzen, sollten einzelne Länder an ihrer Blockadepolitik bis zum Inkrafttreten einer neuen Freisetzungsrichtlinie festhalten. Entsprechende Absichten haben fünf EU-Staaten - darunter Frankreich und italien - geäußert. "Eine solche Blockade hätte erhebliche negative Auswirkungen auf die in Deutschland und Europa tätigen Unternehmen." In Deutschland verfolgen laut DIB 66 Biotech-Unternehmen ganz oder teilweise Aktivitäten auf dem Gebiet der Agrarbiologie.

Die Einigung der EU-Umweltminister auf eine Novellierung der Freisetzungsrichtlinie wird vom DIB begrüßt. Mit Nachdruck unterstützt der Verband ferner den Vorschlag der Bundesregierung, ein zentrales europäisches Zulassungsverfahren sowie eine entsprechende Behörde zu etablieren. Eine solche Institution nach dem Vorbild der amerikanischen FDA, ist Bamelis überzeugt, könne auch die nötige wissenschaftliche Kompetenz und Autorität entwickeln, um bei den europäischen Verbrauchern eine Vertrauensbasis für die grüne Gentechnik zu schaffen.

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