Wirtschaft : Die Gründerzeit ist vorbei

Schwache Konjunktur schreckt vor dem Schritt in die Selbständigkeit ab/In Berlin ist die Stimmung etwas besser

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Berlin (jaf). Die Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland ist im Jahr 2001 um sechs Prozent gesunken. In Ostdeutschland war der Rückgang mit gut neun Prozent stärker als im Westen, wo er fünf Prozent betrug. Das geht aus dem „GründungsReport“ hervor, den das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim am Dienstag veröffentlichte. Zwar waren die Gründungen schon in den Vorjahren rückläufig, doch erfasste die Flaute im Jahr 2001 erstmals alle Wirtschaftszweige. „Es gibt keine Branche, die sich dem Negativtrend widersetzen konnte“, sagte Dirk Engel, der Autor der Studie, auf Nachfrage. Auch für das laufende Jahr erwarte er keine Besserung.

Besonders stark betroffen seien die Baubranche und der Handel. Hier machten sich die schlechte Konjunktur und die düsteren Wirtschaftsprognosen bemerkbar. „Was die Baubranche angeht, kann man aber von einer Normalisierung sprechen“, betonte Engel. Der Nachholbedarf bei der Infrastruktur in Ostdeutschland und die daraus folgenden Investitionen hätten in der Vergangenheit zu einer Gründungswelle von Baufirmen geführt. Im vergangenen Jahr wurden dagegen in Westdeutschland 6,5 Prozent weniger Bauunternehmen gegründet, in Ostdeutschland sogar 16 Prozent.

Besonders stark kam nach den ZEW-Zahlen auch die Informations- und Kommunikationstechnologie unter die Räder. Hier habe der Gründungsboom der späten 90er bei den EDV-Dienstleistern ein abruptes Ende gefunden. In IT- und Multimedia-Hochburgen wie München oder Köln gingen die Zahlen mit 11,7 beziehungsweise 6,9 Prozent besonders stark zurück.

Berlin kam dagegen mit einem Minus von 4,4 Prozent vergleichsweise glimpflich davon – die Hauptstadt ist weniger IT-lastig als andere Metropolen. Außerdem gebe es weiterhin viele Gründungen von Baufirmen, etwa doppelt so viele wie in München. „Berlin hat eine größere Branchendiversifizierung bei den Unternehmensgründungen“, erklärt Engel. Ein ungebrochenes Gründerinteresse der Berliner vermeldet auch Andreas Bißendorf, der den vor zwei Wochen angelaufenen Businessplan-Wettbewerb der Berliner Investitionsbank betreut. Allerdings erstreckten sich die Gründungspläne „von der Currywurst-Bude bis zur Biotech-Firma.“

Gerade in der Hochtechnologie hielten sich potenzielle Gründer, etwa wissenschaftliche Mitarbeiter an Hochschulen, aber zurück, berichtet Wolfgang Krug von der Beratungsstelle Wissenstransfer der Technischen Universität Berlin. So habe im Jahr 2002 noch kein TU-Angehöriger die Gründungsförderung beansprucht. Im Jahr 2000 hatten dies noch zehn Gründer getan, im Jahr 2001 immerhin noch vier. Neuerdings sei für Gründungen mehr Eigenkapital nötig, weil sich Risikokapitalgeber zurückhielten und die Banken höhere Sicherheiten bei der Kreditvergabe verlangten.

„Der große Gründungs-Hype ist vorbei“, bestätigt auch Bißendorf. Es gebe aber nach wie vor zahlreiche Fördermöglichkeiten. So unterstütze die Deutsche Ausgleichsbank Gründer mit zinsgünstigen Darlehen. Berliner Arbeitslose, die ein Unternehmen gründen wollen, könnten im Rahmen des „ARP-Programmes“ bei der Investitionsbank ein zinsloses Darlehen über 15000 Euro beantragen. „Die Rahmenbedingungen für Gründer, was Infrastruktur, Förderung und Finanzierung angeht, sind in Deutschland gar nicht so schlecht“, betont Heiko Bergmann, Gründungsexperte am Wirtschafts- und Sozialgeographischen Institut der Universität Köln. „Die Deutschen sind aber seit jeher risikofeindlich.“ Der Abwärtstrend bei den Gründungen sei noch nicht gebrochen. Auch Dirk Engel ist für 2002 und die kommenden Jahre pessimistisch: „Da ist nicht allzu viel in der Pipeline.“

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