Wirtschaft : Die Hauptstadt gewinnt langsam Format - Die Hoffnungen sind auf gute Konjunkturprognosen gerichtet

Martina Ohm

Die Hauptstadt gewinnt langsam Format. Die jungen Dienstleister und Existenzgründer bringen Schwung in die träge Berliner Wirtschaft, die so schwer an den Erblasten der zwei Stadthälten zu tragen hat. So weit die gute Nachricht zum Jahreswechsel. Die Schlechte: Auch im zu Ende gehenden Jahr tragen die Berliner die rote Laterne. So schleppend wie an der Spree verläuft die wirtschaftliche Entwicklung in keiner Region der Republik. Ökonomisch betrachtet scheint die Haupstadt nicht vom Fleck zu kommen. Nach wie vor liegt die Arbeitslosenquote mit fast 16 Prozent gewaltig über dem bundesweiten Schnitt von gut zehn Prozent. Lediglich noch Thüringen übertrifft in Ostdeutschland die negative Arbeitslosenstatistik Berlins.

Seit 1996 hinkt die Berliner Wirtschaft der Entwicklung aller anderen Bundesländer hinterher. Während das Bruttoinlandprodukt bundesweit 1998 beispielsweise noch 2,8 Prozent erreichte, mussten die Berliner ein Minus von 0,3 Prozent ausweisen. Und in diesem Jahr ging es noch weiter bergab: Um 0,8 Prozent schrumpfte die Berliner Wirtschaft bis zur Jahresmitte - ein trauriger Rekord.

Immerhin protokollierte Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner Ende November eine Wende zum Besseren. Etwas mehr Aufträge für die Industrie und Impulse durch den Regierungsumzug - verbunden mit dem festen Glauben, dass der Politik irgendwann doch noch die Wirtschaft folgt - scheinen Berlin tatsächlich aus seinem Formtief locken zu können. Ein Hoffnungsschimmer für den Arbeitsmarkt, der auch im zu Ende gehenden Jahr immer noch kein Ende des Beschäftigungsrückgangs zu erkennen gab.

Die Wunden des Umbruchs im Ost- wie im Westteil sind bis heute nicht verheilt. Von einst 400 000 Industriearbeitsplätzen sind bis heute über 270 000 verschwunden. Beispiel Siemens: der bislang größte Arbeitgeber Berlins baute seit der Wende 11 000 von 27 000 Stellen ab. Der schnelle Abschied von der Berlinförderung, mit der die wirtschaftliche Normalisierung im Westteil einherging, hat viele Firmen des alten Berliner Westens ziemlich unvorbereitet getroffen. Dazu der beispiellose Dammbruch von Verwaltung und Industrie im Osten. Nur noch in Mecklenburg-Vorpommern ist die so genannte Industriedichte heute geringer als in der Region. Zu allem Unglück scheint sich die Krise der Bauwirtschaft, die den deutschen Osten schwer belastet, in der Hauptstadtregion zu konzentrieren. Auf der größten Baustelle Europas erreicht die Arbeitslosenquote unter den Bauarbeitern jedenfalls beinahe 40 Prozent. Etwa eine Viertel Millionen Menschen sind in der Hauptstadt ohne Job, rund 300 000 auf die Sozialhilfe angewiesen.

Zur Jahreswende nun bleiben alle Hoffnungen auf die durchweg guten Konjunkturprognosen für das Neue Jahr gerichtet. Mit Sicherheit wird die prognostizierte Aufwärtsentwicklung in ganz Deutschland nicht ganz spurlos an Berlin vorüber gehen. Die zeitlose Formel "Mehr Wachstum - weniger Arbeitslose" vermittelt Zuversicht. Die Erwartungen sind groß. Vor allem die neuen Unternehmer sollen es richten. Berlin ist im Begriff, sich als Gründerstadt zu etablieren. Mit 114 Gewerbeanmeldungen auf 100 000 Einwohner liegt die Hauptstadt mit mittlerweile 21 Existenzgründer- und Technologiezentren bundesweit an der Spitze. Und auch sonst muss die Haupstadt ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. Das Interesse an Berlin wächst.

Beispiel Tourismus. Mit etwa 68 Millionen Tagesausflügen zählt Berlin zu den "Top 5" unter den europäischen Reisezielen.

Beispiel Biotechnologie. Mit 16 Prozent aller deutschen Branchenfirmen gehört die Hauptstadt neben München und Heidelberg zu den "Top 3" der Biotech-Standorte.

Beispiel Film. Mit Babelsberg und Adlershof liegt die Region bei der Filmproduktion nach München und Köln an dritter Stelle.

Beispiel Werbung. Auf die Werbebranche wirkt Berlin tatsächlich schon wie ein Magnet. Sieben der 20 größten Unternehmen der Branche haben in diesem Jahr eine Niederlassung an der Spree eröffnet; 22 neue Werbe- und PR-Agenturen wurden gegründet. Insgesamt arbeiten in 200 Berliner Unternehmen etwa 5000 Mitarbeiter. Kein schlechtes Ergebnis. Doch Vorsicht. Auch hier schläft die Konkurrenz nicht. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat die Beschäftigtenzahlen in der Film- und Fernsehbranche pro Einwohner umgerechnet. Gegenüber Köln und München schneidet Berlin demnach schon schlechter ab.

Trotzdem hofft die Hauptstadt. Natürlich. Mit der Rückkehr großer Firmenzentralen an die Spree rechnet keiner mehr. Doch zu den Vorzeigekonzernen Debis und Sony vom Potsdamer Platz gesellen sich weitere Neuankömmlinge und setzen Zeichen. So will Motorola bis Ende 2000 knapp 70 Millionen Mark in den Bau eines neuen Fertigungs- und Verwaltungsgebäude für rund 500 Mitarbeiter investieren und Sanofi-Synthélabo in Berlins Mitte eine Firmen-Zentrale mit 160 Stellen errichten.

Es keimt Zuversicht. Auch in der Verwaltung. Obwohl wichtige Projekte wie die Privatisierung der Berliner Flughäfen und der Bau des Großflughafens in Schönefeld vorläufig gescheitert sind, die Länderfusion in weite Ferne gerückt ist und Berlin wie keine zweite Region am Tropf des Länderfinanzausgleichs hängt. Immerhin: das Umdenken hat begonnen. Ex-Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing machte aus der Not eine Tugend und brachte mit ihrer konsequenten Spar- und Privatisierungspolitik Etliches in Bewegung. Ihr Motto bleibt gleichsam der gute Vorsatz der Hauptstadt zur Jahreswende: Aus einer schwierigen Lage das Beste zu machen.

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